Das Gedächtnis der Stadt Rodgau

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Walburga Besowski ist seit 17 Jahren mit Herz und Hand bei der Sache: Sie sorgt dafür, dass man jedes archivierte Dokument möglichst schnell wiederfindet.

Rodgau - Tief im Keller des Rathauses schlummert das „Gedächtnis der Stadt Rodgau“. In zahllosen Gängen reihen sich die gesammelten Akten im Stadtarchiv - von der Geburtsurkunde bis zu Wahlergebnissen und Haushaltsplänen. Von Peter Petrat

Zwischen all den Papieren befindet sich der Arbeitsplatz von Walburga Besowski: Sie hat den Durchblick und sorgt dafür, dass man abgelegte Akten jederzeit wiederfindet.

Nicht alle Bestände liegen in dem gut gefüllten Keller. Die Unterlagen aus den Jahren 1710 bis 1977 - dem Jahr des Zusammenschlusses der Rodgau-Gemeinden - sind aus Platzgründen ausgelagert. Sie befinden sich im „Haus der Musik“ in Nieder-Roden. Nur die Melderegister ab 1875 sind im Rathaus griffbereit, um Anfragen der Rentenversicherung schnell beantworten zu können.

Aufgehoben werden nicht nur Akten mit gesetzlicher Aufbewahrungsfrist, sondern auch Aufzeichnungen zur Geschichte der Stadt und ihrer Gemeinden. In einem der vielen Metallregale liegen dicke Zeitungsbände. Örtliche Wochenblätter wie die „Rodgau-Post“ werden lückenlos gesammelt, von Tageszeitungen wie der „Offenbach-Post“ werden ausgewählte Ausschnitte archiviert. Auf Dauer eingelagert werden auch die Protokolle der Sitzungen von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung.

Neue Räume fürs Altarchiv gesucht

Bauakten füllen mehrere Regalgänge. Für jedes Haus in jeder der rund 400 Straßen gibt es eine Mappe in der Hängeregistratur. Viel Platz im Rathauskeller nehmen die Unterlagen der Stadtkasse ein - vom Jahresabschluss bis zum einzelnen Kassenbeleg. Auch Personalakten, Meldeakten, Gewerbeanmeldungen und Wahlunterlagen, alles wird fein säuberlich archiviert.

Nicht alle Dokumente bleiben ewig im Archiv. Einmal im Jahr wird ausgemistet. Aber Waltraud Besowski wirft nur das weg, was mit dem zuständigen Sachbearbeiter oder Amtsleiter abgesprochen ist. Der dadurch gewonnene Platz wird dringend benötigt, denn der Rathauskeller ist voll.

Für erhaltenswerte Unterlagen, die nur selten benötigt werden, gibt es das Altarchiv in Nieder-Roden. Doch auch dort gibt es ein Platzproblem. Die Stadt sucht dafür bereits seit einem Jahr neue Räume.

Auch wenn sich jedermann wegen Nachforschungen an das Stadtarchiv wenden kann, so sind es überwiegend Heimatforscher und Studenten, die dann besonderes Interesse an den Altbeständen haben. Manchmal kommt auch eine Anfrage zwecks privater Ahnenforschung. Frisch auf dem Schreibtisch gelandet ist die Bitte eines Bürgers, dessen Urgroßvater 1878 ermordet worden war. Nach einiger Recherche hat Walburga Besowski ein Todeszeugnis gefunden. Sie lädt den Urenkel ein, damit er sich das Dokument anschauen kann.

Konstante Temperatur ist ein Muss

Das älteste Dokument im Stadtarchiv sind die Bürgermeisterrechnungen des Jahres 1710 aus Dudenhofen.

So läuft das in etwa immer ab, denn kein Besucher darf allein im Archiv „wühlen“. Zum Einen achtet Waltraud Besowski auf die sorgsame Behandlung der Dokumente, zum Anderen entscheidet sie, welche Unterlagen zugänglich gemacht werden. Besonders bei personenbezogenen Daten prüft sie, ob ein berechtigtes Interesse besteht. Abgesehen davon würde sich wohl kaum ein anderer in den endlos scheinenden Reihen voller Papier zurecht finden.

Trotz der Menge an Unterlagen sind die Bestände komplett erschlossen. Für das Altarchiv bestehen Inhaltsverzeichnisse noch in Buchform. Die Unterlagen im Rathauskeller sind im Computer verzeichnet. Die Archivarin gibt sich Mühe, neue Dokumente möglichst schnell in den Bestand aufzunehmen. Doch das ist leichter gesagt als getan. An manchen Tagen kommt überhaupt nichts und manchmal landen ganze Kisten voller Archivgut bei ihr. Nach etwa einem Monat ist alles sortiert, beschriftet, aufgelistet, aufbereitet und in die richtigen Fächer sortiert.

Um die wichtigen Geschichtszeugnisse auf Dauer zu erhalten, achtet Walburga Besowski auf eine konstante Temperatur, vermeidet Sonneneinstrahlung und Schimmel. Eine Digitalisierung könnte die wertvollen Originale schonen, aber sie ist zu teuer. Walburga Besowski ist dennoch zuversichtlich, dass selbst die ältesten Schriftstücke noch lange Zeit erhalten bleiben. „Damaliges Papier scheint länger zu halten als heute“, erklärt sie, während sie das älteste Dokument des Archivs in der Hand hält: die Bürgermeisterrechnungen Dudenhofens aus dem Jahr 1710. Zwar sind die Seiten etwas angefressen und am Rand geknickt, aber die Schrift lässt sich noch deutlich erkennen, nur das Lesen fällt schwer. Genauso alt ist das Feldbuch aus Dudenhofen, in dem die Gemarkungen der Gemeinde verzeichnet sind. „Das ist vielleicht noch in Latein geschrieben“, mutmaßt die Archivarin, während sie versucht, einige Worte zu entziffern.

Ein falsch einsortiertes Dokument wäre fast nicht mehr wiederzufinden

Aus Weiskirchen gibt es Aufzeichnungen zu Kriegsangelegenheiten aus dem Jahr 1796. Damals war Peter Sahm Bürgermeister, wie Besowski weiß. Die ältesten Dokumente aus Hainhausen sind Rechnungen von 1790. Aus Nieder-Roden gibt es noch Unterlagen zur Vermessung der Gemarkung zur Zeit von Johann Erwin Reichenbach 1733. Parzellenkarten von 1851 und Papiere zur Ablösung der Grundrenten von 1824 scheinen die ältesten Jügesheimer Schriftstücke zu sein.

Walburga Besowski ist seit 17 Jahren mit viel Herzblut dabei. Nachdem der damalige Archivar in Rente gegangen war, übernahm sie die Aufgabe. Anfangs war sie sich nicht sicher, ob ihr das überhaupt liegen würde, doch schnell erkannte sie, wie viel Spaß es ihr macht, nachzuforschen und Dinge herauszufinden. Auch wenn sie in Polen geboren wurde, fühlt sie sich hier inzwischen heimisch und ist schon etwas stolz, so viel über die Geschichte Rodgaus zu wissen wie kaum ein anderer. Derzeit hilft ein Jugendlicher aus dem Beschäftigungsprojekt „Rodgau 16 plus“ im Stadtarchiv mit. Eine verantwortungsvolle Aufgabe: Ein falsch einsortiertes Dokument wäre fast nicht mehr wiederzufinden.

Quelle: op-online.de

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