Genauigkeit fast wie im Kloster

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Die Computermaus wird zur angeschrägten Feder: Walter Stolz muss seine Renaissance-Schrift künftig nicht mehr zeichnen, er kann sie einfach tippen. Mit dem Verkauf von Schriftfonts will er aber kein Geld verdienen.

Nieder-Roden - Seine Handschrift kann er nun tippen: Walter Stolz, der sich seit 50 Jahren beruflich mit Schrift und Design befasst, hat an einem Wochenende zwei neue Schriftarten für Mac und Windows realisiert. Von Ekkehard Wolf

Diese Schriften sind einzigartig und bei keinem Händler auf der Welt erhältlich. Stolz: „Wer sagt denn, dass es zu viele Schriften gibt?“.

Arial, Times oder Verdana: Millionen von Menschen verwenden diese Schriftarten jeden Tag, wenn sie am Computer arbeiten oder das Internet nutzen. Werbe-Profis würden sie nie einsetzen: Sie suchen die individuelle Note und nicht die Massenware.

Viele tausend hochwertiger Schriftfamilien sind bei Spezialfirmen wie Linotype auf Mausklick verfügbar. Walter Stolz und seine Firma „Stolz Design“ nutzen nur eine kleine Auswahl. „Wir wissen, wo die Schriften herkommen“, sagt der Grafikdesigner, der seit 1982 in einem restaurierten Altbau neben der Kirche St. Matthias lebt und arbeitet.

Die Schriften von Walter Stolz sind einzigartig

„Das Schriftenmachen ist eine schöne Sache“, sinniert Walter Stolz. Seit etwa 20 Jahren beschäftigt er sich damit, Schriften zu entwerfen, zu konstruieren und zu digitalisieren. Die ersten Computerprogramme waren keine große Hilfe: zu komplex, zu zeitintensiv. Durch Zufall stieß er nun auf eine einfache Software namens „Type Tool“, die für weniger als 100 Euro alle benötigten Funktionen bietet.

Dennoch dauerte es ein ganzes Wochenende, die beiden Schriften zu digitalisieren. „Nur ein Wochenende“, betont Walter Stolz. Seine handgeschriebene Druckschrift namens „Walter 1“ kann man bereits auf der Speisekarte des neuen Bahnhofsbistros „Mauds“ sehen. Die zweite Schriftart namens „Human“ wartet noch auf ihre praktische Anwendung: eine Renaissance-Schrift „mit humanistischer Haltung“, wie ihr Designer sagt. Das Besondere daran: Obwohl die Zeit der Renaissance schon rund 500 Jahre vorüber ist, weist diese Schriftart alle fremdsprachigen Akzente auf.

Sie sind auch bei keinen Händler erhältlich

„Das ist der Fortschritt der Digitalisierung“, sagt Walter Stolz: „Alles wird einfacher, aber auch allgemeiner. Jeder kann Schriften machen.“ Dennoch zeigt sich in der Praxis der Unterschied zwischen Amateur und Profi. Nicht nur das Verhältnis von Grundlinie, x-Höhe (Kleinbuchstaben) und Versalhöhe muss stimmen, auch der Abstand der einzelnen Lettern muss so ausgewogen sein, dass jede Buchstabenkombination ein harmonisches Bild ergibt.

Der Grafikdesigner bringt es auf den Punkt: „Wenn es eine gut lesbare Schrift sein soll, dann gilt das Gleiche wie bei den Mönchen im Kloster.“ Es komme auf Gesetzmäßigkeit und Gleichmäßigkeit an, aber auch um ein gewisses Maß an Spannung und Dynamik. Nur für einzelne Buchstaben oder Wörter darf man diese Regeln auch mal über Bord werfen: „Bei Schmuckschriften ist alles erlaubt.“

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Nach diesem Grundsatz hat Stolz schon für etliche Kunden eigene Schriften entwickelt, um Identität zu schaffen und ein Alleinstellungsmerkmal zu erzeugen: „Diese Schrift hat sonst keiner.“ Doch keine dieser Schriften lässt sich bisher so einfach tippen: Buchstabe für Buchstabe muss als Vektorgrafik platziert werden. Das ist fast so mühsam wie vor 550 Jahren mit den Bleilettern bei Johannes Gutenberg.

Die neue Software erleichtert den Sprung ins 21. Jahrhundert. Dennoch kann sie weder Kreativität noch Handwerk ersetzen. Gut so, meint Walter Stolz: „Schriften schreiben ist eine gute Methode, Zeichnen zu lernen. Es fördert das Gespür für Proportionen und Schwung.“ Noch heute müssen sich Praktikanten bei Stolz Design eine Woche lang intensiv mit einer selbst ausgewählten Schriftart beschäftigen. Ihr Chef hat vor fast 50 Jahren erlebt, dass das nicht das Schlechteste ist: „Während meiner Ausbildung habe ich alle bekannten Schriften von Hand geschrieben. Fast wie im Kloster.“

Quelle: op-online.de

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