Feldpostkarten-Sammlung von 1914 bis 1918

Weltkrieg ist Ansichtssache

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Gerhard Lämmlein sammelt Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Das dicke Album ist etwa so alt wie die Postkarten.

Jügesheim - Eine ungewöhnliche Dokumentation des Ersten Weltkriegs hat Gerhard Lämmlein zusammengetragen. Mit einem Album voller Feldpostkarten erinnert er an den Krieg, der heute vor 100 Jahren begann. Von Ekkehard Wolf 

Die Karten zeigen den Wandel des Zeitgeistes vom Hurra-Patriotismus bis zum Elend des Krieges und wieder zurück. „Ein Sammler war ich schon immer“, erinnert sich Gerhard Lämmlein (67). Seit vielen Jahren engagiert er sich im Heimatverein Jügesheim. Seine Sammlung von Gesteinen und Versteinerungen bildet einen Schwerpunkt des Jügesheimer Museums für Heimat- und Erdgeschichte.

Maschinengewehr-Schützen posierten an der Somme für diese Aufnahme. Rechts im Bild ist Christian Hörl aus Offenbach, der eine Glaserei in der Schulstraße hatte.

Lämmlein ist ein Offenbacher Bub, Jahrgang 1946. „Ich bin in den Ruinen von Offenbach groß geworden“, erzählt er. Beim großen Aufräumen nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Stahlhelme und andere Überbleibsel zum Vorschein. Die Kinder spielten damit. Aber der kleine Gerhard verlegte sich nicht auf Militaria, sondern begann Briefmarken zu sammeln. Ein neues Sammelgebiet entdeckte er mit acht, neun Jahren: „Ein Nachbar hatte eine große Teekiste aus Metall, die voller Postkarten war. Er hat gesagt: Du kannst dir nehmen, was du willst. Da bin ich von Briefmarken zu Postkarten übergegangen.“

Großonkel zeichnete Alltagsszenen mit Bleistift

Zu den Ansichtskarten aus der Kiste gesellten sich später die Feldpostkarten der eigenen Verwandten. Noch heute erinnert sich Gerhard Lämmlein an das, was ihm sein Großvater aus dem Ersten Weltkrieg erzählte. Postkartenbilder illustrierten die geschilderten Erlebnisse. Etwas ganz Besonderes sind die Feldpostkarten seines Großonkels Ferdinand Bürkel, der Alltagsszenen mit Bleistift auf die dünne Pappe zeichnete: „Da sind richtige Kunstwerke dabei.“

Das Weltkriegs-Album beginnt neun Jahre vor dem Krieg mit einem „Gruß vom Kaiser-Manöver“ des Jahres 1905. Man sieht Soldaten mit wehenden Fahnen, Reiter und die Kutsche des Feldherrn. „Damals haben alle mit den Säbeln gerasselt, Deutsche, Franzosen, Engländer“, sagt Gerhard Lämmlein. Soldaten wie Zivilbevölkerung hätten dem Feldzug mit falschen Vorstellungen entgegengesehen: „Alle gingen davon aus, dass es ein Krieg wie 1870/71 mit Säbeln und Kavallerie wird. Keiner hat sich Gedanken über die neue Waffentechnik gemacht.“ Maschinengewehre und schwere Geschütze erwiesen sich jedoch bald als verheerend.

Siegesmeldungen per Post in die Heimat

Auf den ersten Feldpostkarten wirkt alles ganz harmlos. Ein junger Soldat verabschiedet sich von seiner Liebsten. Eine Inschrift am Baum verspricht ein baldiges Wiedersehen. Ein fesches Mädel posiert in Uniform: „Donnerwetter tadellos!“, steht kumpelhaft daneben. Erste Siegesmeldungen landen per Post in der Heimat. Ein Foto zeigt Soldaten vor den Ruinen des Fort Longwy, der ersten französischen Festung, die am 22. August 2014 von Deutschen eingenommen wurde. Stolz zeigt ein anderes Bild einen Granatentrichter: Seht her, so wirken die Granaten!

Ein Soldat blickt zum Flugzeug hinauf: Solche Bleistiftzeichnungen schickte Ferdinand Bürkel per Feldpostkarte heim nach Offenbach.

Eine morbide Szene stellt eine Bleistiftzeichnung vom 2. April 1915 dar: Granaten sind in einen Friedhof eingeschlagen und haben die Gräber geöffnet. Kreuze stehen schief, Totenschädel liegen herum. Die gedruckten Ansichtskarten zeigen eine geschönte Wirklichkeit. Ein Schützengraben wird verharmlosend als „Laufgraben im Walde“ bezeichnet. Eine Serie an Witzzeichnungen aus Österreich-Ungarn versucht dem Soldatenleben komische Seiten abzugewinnen. Eines der Witzbildchen ist ungewollt makaber. Er stellt eine „k.u.k. Truppen-Nachwuchs-Erzeugungs-Maschine“ dar. Gerhard Lämmlein kommentiert die grausame Wahrheit: „Oben kommen die Babys rein, unten kommen die fertigen Soldaten raus, um an der Front totgeschossen zu werden.“

Postkarten zeigen Bild soldatischer Idylle

Ein ganz besonderes Zeitdokument gilt einem Soldaten, der sich sein Frühstücksbrot schmiert. Ganz gelassen und in sich ruhend sitzt er da, mit gekreuzten Beinen. Ein Bild soldatischer Idylle. Sein Titel: „Schützengraben vor Verdun (Beim Frühstück)“. Am 6. Februar 1916 schickte ein Soldat diese Ansichtskarte per Feldpost nach Hause. 15 Tage später begann mit dem deutschen Angriff eine der schwersten Schlachten des Ersten Weltkriegs: ein grauenhafter Stellungskrieg, in dem schätzungsweise 350.000 Menschen getötet wurden.

Ein Bild der Verharmlosung: Ein Soldat schmiert sich sein Frühstücksbrot. 15 Tage nachdem diese Feldpostkarte abgeschickt wurde, begann eine der schwersten Schlachten des Ersten Weltkriegs.

Je länger die Kämpfe dauern, umso ernster werden auch die Bilder auf den Feldpostkarten. Die Zeit der Verharmlosung geht zu Ende. Die Kriegspropaganda mutet der Zivilbevölkerung in der Heimat auch Bilder von Toten zu. Fotos zeigen „zerstörte Tanks mit Bedienungsmannschaft unter den Trümmern“ oder zwei tote englische Soldaten auf einem abgeernteten Feld. Für den Postkartensammler Gerhard Lämmlein ist das unverständlich: „Wie konnten sie so was nach Hause schicken? Das ist pietätlos.“ Erschütternd ist auch eine Fotografie von weißen Giftgasschwaden, die in Richtung der gegnerischen Soldaten ziehen. Diese Feldpostkarte weist eine Perforation auf: Sie stammt offenbar von einem ganzen Block an Ansichtskarten, unter denen die Soldaten auswählen konnten.

Der Erste Weltkrieg auf Feldpostkarten

Der Erste Weltkrieg auf Feldpostkarten

Nur einige Feldpostkarten aus Gerhard Lämmleins Sammlung wurden von Verwandten verschickt. Viele Exemplare hat er auf Flohmärkten erworben. Während die Fotos den Zeitgeist spiegeln, bieten die Texte einen Einblick in das Kriegsgeschehen und das Seelenleben der Soldaten. Ein Beispiel vom Mai 1918: „Wir liegen jetzt Amerikanern gegenüber, lauter wohlgenährte, starke Burschen.“ Die deutschen Soldaten waren zu dieser Zeit ausgehungert und erschöpft. Der Krieg sollte noch sechs lange Monate dauern.

Ansichtskarten aus dem Krieg sind übrigens eine Besonderheit der Jahre 1914 bis 1918, wie Gerhard Lämmlein berichtet: „Im Zweiten Weltkrieg hat‘s das lange nicht in diesem Umfang gegeben. Damals haben sie Briefe geschrieben. Allein von meinem Vater habe ich zwei Ordner voller Feldpostbriefe.“ Aber das ist eine andere Geschichte.

Quelle: op-online.de

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