Wasserburg in Hainhausen

Mit der Kelle ins Mittelalter

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Sebastian Karg hat sich für eigens die Grabung zwei Wochen Urlaub genommen. Hier legt er einen 860 Jahre alten Eichenbalken frei.

Hainhausen - Welche Ausmaße hatte die Burg in der Rodauniederung? Und wie haben die Bewohner im 12. Jahrhundert dort gelebt? Aufschluss auf diese Fragen soll eine archäologische Grabung geben. Seit Montag läuft die dritte Phase. Von Ekkehard Wolf 

Einer der ehrenamtlichen Helfer hat eigens dafür zwei Wochen Urlaub genommen. Der untere Querbalken eines Fachwerkhauses war der wichtigste Fund im vergangenen Jahr. Der Eichenholzbalken wurde auf etwa 2,30 Meter Länge freigelegt. Ein Fachmann datierte ihn auf das Jahr 1154. Nun gehen Kreis-Archäologin Dagmar Kroemer und ihre Helfer noch ein bisschen tiefer. Aus der Länge des Balkens lässt sich vielleicht die Größe des Gebäudes abschätzen. Ein paar Meter weiter arbeitet sich das Team entlang der Burgmauer bis zum ehemaligen Mühlgraben vor.

„Mal gucken, was wir an Holzbefunden noch finden“, meint Kroemer. Der hohe Grundwasserstand hat das Holz über die Jahrhunderte konserviert. Die Archäologin hofft auf mehr Stammholz, „am besten mit Waldkante“, um das Alter noch präziser ermitteln zu können. Sie möchte sicher sein, dass der Schwellbalken wirklich so alt ist: „Eigentlich waren die meisten Häuser damals Pfostenhäuser.“ Sollte sich die Datierung bestätigen, hätte in Hainhausen möglicherweise das erste Fachwerkhaus in weitem Umkreis gestanden.

Ausgrabungen der Wasserburg in Hainhausen

Aus den Funden des vergangenen Jahres haben die Archäologinnen unter anderem vier Becherkacheln zusammengeklebt, die von einem Kachelofen stammten. Metallteile wurden restauriert: ein fünfteiliges Band aus versilbertem Eisen, in der Mitte mit einer Prägung versehen (punziert). Es gehörte zu einem Ledergeschirr und schmückte vielleicht einst die Stirn eines Pferdes. Das zierliche Mittelstück ist sieben Zentimeter lang. Eine Überraschung ergab die Untersuchung zweier Bodenproben im Labor für Archäobotanik der Universität Frankfurt. Was man für Mist hielt, erwies sich als Torf mit Pflanzenresten eines Niedermoors. Die Frankfurter Forscher nehmen deshalb an, dass die Wasserburg auf dem vorhandenen Niedermoortorf errichtet wurde. Zweige und Äste befestigten den Untergrund.

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Die Grabung in der Rodau-Aue ist dem Geschichts- und Kulturverein Hainhausen (GKH) zu verdanken. Der Verein hatte vor einigen Jahren Mauerreste im Boden nachgewiesen. GKH-Mitglieder helfen bei der Ausgrabung. Sebastian Karg aus Egelsbach hat sich sogar zwei Wochen Urlaub genommen. Mit der Archäologenkelle in der Hand erfüllt er sich einen alten Traum: „Mich hat das schon als Kind interessiert.“ Beruflich schlug er jedoch einen anderen Weg ein: Wirtschaftsinformatik statt Archäologie. „Aber die Leidenschaft hat dann doch gesiegt.“ Eines Tages fragte Sebastian Karg bei der Bodendenkmalpflege des Kreises Offenbach an, ob er bei einer Ausgrabung helfen könne. Die Antwort war unfreundlich. Die beiden Archäologinnen im Kreishaus befürchteten offenbar, es mit einem verkappten Schatzsucher oder Raubgräber zu tun zu haben. Dagmar Kroemer: „Wir erhalten ganz viele sonderbare Anfragen, bei denen man sich fragt, was wollen die eigentlich?“

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Von der harschen E-Mail ließ sich Sebastian Karg nicht abschrecken. Seit 2011 zählt er zu den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Bodendenkmalpflege. Zwei Mal grub er in Zellhausen. In Hainhausen ist er jetzt zum dritten Mal. Seine bisherigen Funde: Messer, Nägel, Töpfe, viel Keramik, eine Pfeilspitze. „Wissenschaftlich das Wertvollste ist wohl dieser Balken.“

Keine Angst vor Muskelkater: Theo Henkel, Ewald Simon und Klaus Kredel vom Geschichts- und Kulturverein Hainhausen arbeiten bei der Grabung mit. Das Foto links zeigt Metallfunde von 2013.

Was bringt den 35-Jährigen dazu, in unbequemer Körperhaltung tagelang Erdbröckchen abzutragen? Für den Informatik-Betriebswirt ist das einen Ausgleich zur Arbeit im Büro. Der Boden könne jederzeit eine Überraschung preisgeben: „Man weiß nie, was kommt.“ Ihn fasziniert die Vorstellung, dass da seit Hunderten von Jahren niemand Hand angelegt hat. Außerdem bringt ihn die Grabung dem Leben der damaligen Menschen nahe: „Das ist viel praxisnäher als jeder Mittelaltermarkt.“ Sensationsfunde erwartet Sebastian Karg in Hainhausen nicht. Aber: „Wenn’s denn wirklich eines der ersten Fachwerkhäuser dieser Gegend wäre, das wäre ja schon nicht schlecht.“

Quelle: op-online.de

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