Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs

Keine Angst vor Arbeit

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Schulleiter Winfried Döring (links) und der Offenbacher Geschäftsstellenleiter der Kreishandwerkerschaft (KH), Uwe Czupalla, besiegelten ihr Projekt mit Handschlag und unterzeichneten eine „Kooperationsvereinbarung zur Berufsorientierung im Handwerk“. Das verfolgten Schülerinnen und Schüler, die sich fürs Handwerk interessieren, GBS-Lehrer Günter Schmack (hinten, Mitte) und der Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel (hinten, Fünfter von links).

Rodgau - Frische Brötchen zum Frühstück mag jeder. Doch eine anstrengende Bäckerlehre wollen immer weniger Jugendliche machen. Das gilt auch für andere Handwerksberufe. Sie leiden unter mangelnder Wertschätzung. Von Bernhard Pelka

Dagegen tun die Kreishandwerkerschaft und die Georg-Büchner-Schule jetzt etwas. Sie bilden eine Lernpartnerschaft, um Jugendliche möglichst früh an Handwerksberufe heranzuführen. Schulleiter Winfried Döring und der Offenbacher Geschäftsstellenleiter der Kreishandwerkerschaft (KH), Uwe Czupalla, besiegelten jetzt ihr Projekt und unterzeichneten eine „Kooperationsvereinbarung zur Berufsorientierung im Handwerk“. Schon heute fördert ein breites Angebot an berufsorientierenden Maßnahmen an der Georg-Büchner-Schule (GBS) die Berufswahl der Schüler. Zum Beispiel absolviert die neunte Jahrgangsstufe in drei Schulformen Betriebspraktika. Und die achten Klasse der Hauptschule gehen für einen Praxistag in Betriebe. Zum Schulalltag gehört auch Bewerbungstraining.

Christian Wolfs, Nicklas Schulmann und Florian Rossner (von links) sind nach der Realschule direkt in die Lehre gegangen. Bis heute haben sie diesen Schritt nicht bereut. Bei der Bäckerei Schäfer gehören sie zu 100 engagierten Mitarbeitern in sechs Ladengeschäften und der Bäckerei am Stammsitz in Hainhausen. Fürs Foto kneteten sie gemeinsam einen Mürbeteig.

Durch die Zusammenarbeit mit der KH kommen weitere Aspekte hinzu. Handwerksinnungen werden an speziellen Info-Tagen in der Schule ihre Gewerke vorstellen. Handwerker aus der Region kommen in den Unterricht. Die KH beteiligt sich an Elternabenden und wirbt dabei für die guten Aufstiegschancen in rund 140 Ausbildungsberufen. „57 Prozent aller Schulabgänger eines Jahrgangs gehen ins Studium. Das muss sich zu Gunsten des Handwerks umkehren“, wirbt Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel für das Projekt. Er selbst beschäftigt in seiner Schreinerei unter anderem drei Abiturienten, die sich gegen ein Studium und für das Handwerk entschieden haben. „Sie gehören zu den tragenden Säulen meines Betriebs.“ Angesprochen seien auf der Nachwuchs- und Fachkräftesuche aber Jugendliche aus allen Schulformen. „Wir brauchen nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer.“

16 Wunsch-Schulen in Stadt und Kreis Offenbach

An der GBS koordiniert Lehrer Günter Schmack die Berufsorientierung. Er hofft, dass die Kooperation „mit dem starken Partner Kreishandwerkerschaft“ die Wertschätzung für eine Ausbildung im Handwerk steigern wird. Uwe Czupalla weist auf einen anderen Aspekt hin: Lehrlinge könnten parallel zu ihrer Ausbildung natürlich auch ihre schulische Qualifikation vorantreiben. „Die Firmen gehen auf solche Wünsche gern ein. Viele kennen diese Möglichkeit aber leider nicht.“ Die KH möchte mit 16 Wunsch-Schulen in Stadt und Kreis Offenbach kooperieren. Fünf davon sind schon mit im Boot: Georg-Büchner-Schule Jügesheim, Heinrich-Böll-Schule Nieder-Roden, Adolf-Reichwein-Schule Heusenstamm, Friedrich-Ebert-Schule Mühlheim, Ernst-Reuter-Schule Offenbach.

Hintergrund der Aktion ist, dass dem Handwerk langsam die Fachkräfte ausgehen. Jugendliche lassen sich immer länger Zeit mit ihrer Berufsentscheidung. Viele drehen lieber in weiterführenden Schulen noch eine Warteschleife. Drei junge Männer, die das nicht verstehen können, arbeiten in der Bäckerei Schäfer in Hainhausen: Christian Wolfs (19), Florian Rossner (19) und Nicklas Schulmann (19). Alle drei haben Realschulabschluss. „In meinem Betrieb gehören sie zu den Leistungsträgern“, lobt Bäckermeister Wolfgang Schäfer seine Schützlinge. „Ich hatte Schule satt“, sagt Christian Wolfs, der ein Internat besuchte. Für Backwaren und das Bäckerhandwerk konnte er sich hingegen schon immer begeistern. Nach drei Schulpraktika stand seine Berufswahl fest. Jetzt ist der junge Mann aus Weiskirchen schon im dritten Lehrjahr.

Top Ten der unbeliebten Berufe

Top Ten der unbeliebten Berufe

In der Klasse von Florian Rossner an der Georg-Büchner-Schule (GBS) konnten sich nur 25 Prozent der Jugendlichen dazu entschließen, gleich in einen Beruf zu gehen. „Der Rest ist auf weiterführende Schulen, obwohl ich immer den Eindruck hatte, dass das eigentlich keiner so richtig wollte. Viele waren einfach unsicher, was sie machen sollen“, erinnert der Nachwuchsbäcker aus Dudenhofen. Zum 1. August hat er in der Backstube seine Lehrstelle angetreten. „Ich hatte früher schon als Koch gejobbt. Das war aber nichts für mich.“ Ein Schulpraktikum bei Bäcker Schäfer gab dann den Ausschlag.

Florian Rossner möchte an seine Lehre unbedingt eine Ausbildung zum Konditor dranhängen. „Ich liebe eben Süßkram.“ Konditor und Bäckermeister möchte auch Nicklas Schulmann aus Jügesheim werden. In seiner Abgangsklasse an der GBS war er als Berufsanwärter die große Ausnahme. Lediglich zwei weitere Mitschüler gingen diesen Weg. „Mir hat der Umgang mit Lebensmitteln schon immer Spaß gemacht“, sagt der angehende Bäckergeselle. „Etwas mit den Händen herzustellen ist mein Ding.“ Ein Praktikum beim Schreiner war zwar interessant. Aber erst, als der junge Mann beim zweiten Anlauf als Praktikant in der Backstube stand, fühlte er sich zuhause. Alle drei Bäckerlehrlinge bei Schäfer sind übrigens nicht von zuhause geprägt. Die Eltern der Azubis verdienen ihr Geld am Schreibtisch.

Quelle: op-online.de

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