Der S-Bahn-Fotograf

Hans-Peter Fuchs fotografierte natürlich auch die spektakulären Betonarbeiten unter Wasser an der Unterführung an der Südtrasse in Hainhausen.

Rodgau - Wohl keine Bahnstrecke ist während ihrer Bauzeit so gut fotografisch dokumentiert worden wie die Rodgau-S-Bahn. Vom ersten Spatenstich bis zur Eröffnung hat Hans-Peter Fuchs aus Jügesheim jede Bauphase mit der Kamera festgehalten. Von Ekkehard Wolf

Vom März 2001 bis zum Dezember 2003 sind rund 56 000 Fotos entstanden. Viele davon kann man noch heute im Internet sehen. „Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt“, erzählt Fuchs. Den Hobbyfotografen hatte einfach die Verbindung aus Digitalfotografie und Internet gereizt: „Ich wollte etwas im Internet machen und habe mir eine Aufgabe gesucht.“ Der erste Spatenstich zum S-Bahn-Bau kam ihm gerade recht. Als die Bauarbeiten dann richtig begonnen hatten, merkte der Jügesheimer erst, was er sich zugemutet hatte. Er fuhr von Baustelle zu Baustelle, um nichts zu verpassen. Das artete mitunter in Stress aus: Als in Ober-Roden die alte Fußgängerbrücke abgebaut wurde, fand gleichzeitig in Bieber eine andere spektakuläre Aktion statt. „Ich bin oft nachts um zwei, drei Uhr nach Hause gekommen, habe die Bilder ins Internet gestellt und bin am nächsten Morgen gleich wieder rausgefahren.“

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Als Stammgast auf den Baustellen war Hans-Peter Fuchs bald gut bekannt. Das brachte ihm hilfreiche Hinweise ein: Vorarbeiter gaben ihm Tipps, zu welcher Zeit welche Aufgaben anstanden. Sein Sonderstatus bescherte dem Fotografen auch so manchen ungewöhnlichen Blickwinkel, zum Beispiel vom Baukran herab. Einmal ging das Akkufach seiner Nikon auf und die Batterien purzelten aus luftiger Höhe in die Baustelle hinab. Auch bei der Bauüberwachung wusste man die tagesaktuelle Foto-Dokumentation zu schätzen. Für eine Baufirma, der in Bieber eine Baumaschine gestohlen wurde, war diese Dokumentation sogar Geld wert: Anhand eines Fotos von der Internetseite konnte das Unternehmen der Versicherung nachweisen, dass die Maschine vor dem Diebstahl tatsächlich dort gestanden hatte. Das beeindruckendste Erlebnis in zweidreiviertel Jahren S-Bahn-Bau war für Hans-Peter Fuchs die Testfahrt mit der 3200 PS starken Diesellok „Ludmilla“. Von Dietzenbach bis Offenbach durfte er im Führerstand mitfahren: „Mit 100 oder 110 durch Heusenstamm zu fahren ohne anzuhalten und alle Leute gucken, das fand ich schon klasse.“

Hans-Peter Fuchs rollte fürs Foto noch einmal das Banner vom S-Bahn-Start 2003 am Bahnhof Jügesheim aus. Er selbst ist überzeugter S-Bahn-Kunde. Mit seiner Jahreskarte fährt er nicht nur zur Arbeit nach Frankfurt. Die S-Bahn ist aus seiner Sicht ein Erfolgsmodell, „wenn man von manchen Verspätungen absieht, bei denen keine Durchsage kommt. Aber so ist halt die Bahn.“

„Am meisten leid getan haben mir die Eisenflechter“, erinnert sich der Hobbyfotograf. Die Arbeiter aus Osteuropa leisteten auch bei größter Kälte Schwerstarbeit, indem sie die Stahlstäbe und -matten für die Betonarbeiten in die richtige Form bogen. Zwei Fotos sind Hans-Peter Fuchs besonders in Erinnerung geblieben. An der Baustelle einer Unterführung in Dietzenbach hatte er einen Arbeiter ohne Schutzhelm abgelichtet. Am nächsten Tag rief die Firma an und bat darum, das Bild von der Internetseite herunterzunehmen, um Schwierigkeiten mit der Berufsgenossenschaft zu vermeiden. Aber der Fotograf fand sein Foto zu schön, um es zu löschen, also griff er zu einem Trick und verpasste dem Arbeiter nachträglich einen Helm. Ein ähnlicher Fall in Hainhausen: Da musste Fuchs einen Fußgänger wegretuschieren, der unerlaubt die unfertige Brücke der Südtrasse überquert hatte.

Aus heutiger Sicht wirkt das bebilderte Online-Bautagebuch wie selbstgebastelt – und das war es ja auch. Hans-Peter Fuchs baute seine Webseiten damals mit „Frontpage“, einem hobbytauglichen Programm von Microsoft. Die Fotos musste er per Modem über eine Telefonleitung hochladen. Jede Online-Minute kostete Geld. Auch die Technik der Digitalfotografie war noch lange nicht so weit wie heute. Seine 56.000 Fotos schoss Fuchs mit zwei Kompaktkameras mit einer Auflösung von 2,1 Megapixel. „Manchmal finde ich es schade, dass dich damals nicht die Technik von heute hatte“, erzählt er. So waren Serienaufnahmen nicht möglich: Die kleine Nikon brauchte quälend lange Sekunden, bis sie ein Bild abgespeichert hatte.

Seit er das letzte Foto hochgeladen hat, hat Hans-Peter Fuchs nichts mehr an den Seiten www.rodgau-bahn.de geändert: „Das Projekt ist für mich abgeschlossen.“ Auch die Liste der Baufirmen ist bewusst auf dem Stand von 2003 geblieben. Etliche Firmen gibt es nicht mehr, die Links laufen ins Leere. Zehn Jahre nach dem S-Bahn-Start sind die Fotos aus der Bauzeit wieder gefragt. Aus einer Reihe seiner eindrucksvollsten Bilder hat Hans-Peter Fuchs für den Rhein-Main-Verkehrsverbund eine Online-Diaschau von 90 Sekunden zusammengestellt. Die Fotos sind auch eine gern gesehene Erinnerung bei ehemaligen Verantwortungsträgern der DB Projektbau, die in den Ruhestand gehen. Neben seinen Bildern hat Hans-Peter Fuchs auch ein paar handfeste Erinnerungsstücke an den S-Bahn-Bau: ein Stück Oberleitung, den Richtungsanzeiger einer Weiche von 1901 und ein aufgerolltes Werbebanner vom S-Bahn-Start. Ein alter Kilometerstein von der Bahnstrecke hat einen Ehrenplatz vor der Haustür. Er ist das offizielle Dankeschön-Geschenk für eine einmalige Foto-Dokumentation.

Quelle: op-online.de

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