Behinderte in die Mitte geholt

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Schwungvoll besprengt Pater Hengsbach alle Räume des Neubaus mit Weihwasser. - Fotos: Wolf

Jügesheim - Aller guten Dinge sind drei: Neun Jahre nach dem „Haus Emmanuel“ wurde am Freitagabend das dritte Gebäude der neuen Häuserzeile an der Vordergasse eingeweiht.

Im Januar ziehen fünf Behinderte ins Ober- und Dachgeschoss ein, während im Erdgeschoss ein Nachhilfeinstitut eröffnet. Viele Besucher nutzten am Wochenende die Gelegenheit, den Neubau von innen zu betrachten. „In Rodgau ist eine ganze Bürgerbewegung aufgebrochen, um Behinderten eine Heimat zu geben“, sagte Christian Goldmann, Vorsitzender des Vereins „Gemeinsam mit Behinderten“ (GmB) zur Einweihung. Er sei glücklich, dass in den drei Häusern nun Wohnungen für 18 behinderte Menschen zur Verfügung stünden. Aber noch immer fehlten im Kreis Offenbach rund 100 Wohnplätze. Goldmann gab zu bedenken, dass Behinderte oft an den Rand gedrängt würden: „Wir müssen alle gemeinsam versuchen, der schleichenden Entmündigung entgegenzuwirken.“

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Mit den drei Häusern sei „nicht nur ein städtebaulich prägendes Ensemble entstanden“, betonte Erster Stadtrat Michael Schüßler. Das „Haus Emmanuel“ erfülle in vorbildlicher Weise die im Grundgesetz festgelegte Sozialbindung des Eigentums. Mit dem Neubau habe der Verein „Gemeinsam mit Behinderten“ mitten in der größten Finanzkrise der Bundesrepublik eine mutige Entscheidung getroffen. Zudem fließe ein großer Teil der Baukosten an örtliche Handwerksbetriebe. Die Stadt Rodgau habe gerne ihren Teil zu dem Neubau beigetragen, indem sie das Grundstück gegen die Abrisskosten des Altbaus zur Verfügung stellte.

In der Festpredigt zur Einweihung kritisierte Jesuitenpater Prof. Friedhelm Hengsbach die Auswüchse der Leistungsgesellschaft, die die Wettbewerbsfähigkeit zum Maß aller Dinge mache. „Eine Gesellschaft, die Trennungslinien zwischen gesund und krank (…) zieht, ist selbst behindert.“ Mit ihrer Entscheidung, Behinderte im Zentrum der Stadt anzusiedeln, folge die Gemeinde dem Vorbild Jesu, der sich um die Menschen am Rand der Gesellschaft bemüht habe: „Der Geist Gottes lebt hier mitten unter den Menschen.“

Der Neubau ist nicht mit den beiden anderen Häusern verbunden. Die fünf Behinderten, die dort wohnen werden, gehören auch nicht fest zur Wohngruppe im „Haus Emmanuel“. Jede/r von ihnen zieht in ein eigenes kleines Ein-Zimmer-Appartement und versorgt sich so selbstständig wie möglich. Bei Bedarf gibt es Unterstützung aus dem Haupthaus. Fachleute nennen das „ambulant betreutes Wohnen“.

Vor dem historischen Fachwerkgiebel im Treppenhaus (von links): Pater Friedhelm Hengsbach SJ, die Pfarrer Wendelin Meissner und Johannes Kot schner, Simone Stodal-Kostka von der Behindertenhilfe Stadt und Kreis Offenbach.

„Alleine wohnen“ sei der Traum vieler Menschen aus der Wohngruppe, sagt deren Leiterin Simone Stodal-Kostka. Zwei von ihnen ziehen Anfang Januar in den Neubau um: „Die räumliche Nähe zu unserer Wohngruppe ist so etwas wie Netz und doppelter Boden.“ Vor neun Jahren hatte Stodal-Kostka die Leitung übernommen. Noch heute spricht sie begeistert über das „Haus Emmanuel“, das in Lage und Ausstattung alle bisherigen Wohnprojekte der Behindertenhilfe Stadt und Kreis Offenbach übertreffe. Die Bewohner hätten für die Mitbürger im Ort von Anfang an dazugehört: „Der Begriff ,Inklusion’ wurde von den Jügesheimern von Anfang an gelebt.“ Auch für die Bewohner des Neubaus, so Stodal-Kostka, wünsche sie sich eine offene Zukunft in einer inklusiven Gesellschaft: „Ich kann mir dafür keinen besseren Ort vorstellen als diese Gemeinde.“

Quelle: op-online.de

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