Heilsame Düfte und Substanzen

+
So hat der Apotheker früher Pillen hergestellt: Agnes Werner am Pillendrehbrett.

Jügesheim ‐ Seltene Einblicke in die Gesundheitsversorgung früherer Jahrzehnte bot der Heimatverein Jügesheim am Sonntag in der ehemaligen Rodgau-Apotheke. Von Ekkehard Wolf

Das Haus an der Ecke Ludwig-/Schwesternstraße ist ein architektonisches Schmuckstück der „Rodgauer Geschichtspfade“. Innen ist die alte Apothekeneinrichtung erhalten. Der Jügesheimer Baumeister Hermann Kämmerer hatte das Gebäude 1913 als Wohnhaus erbaut. 1920 siedelte die Gemeinde Jügesheim dort mit Friedrich Hotz den ersten Apotheker an.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er der Einzige seines Berufsstandes weit und breit. Kuriere aus den umliegenden Gemeinden brachten ihm die Verordnungen der Ärzte und holten die Arzneimittel täglich ab. Bis 1989 war die Rodgau-Apotheke in Betrieb. Dann setzte sich Adolf Hipp auf mit 75 Jahren zur Ruhe.

Salbentiegel aus Zinn

„Für uns Rodgauer ist diese Apotheke ein wichtiges Stück Kulturgeschichte“, sagt Josef-Herbert Spahn vom Heimatverein Jügesheim. Dass dort kein Stäubchen liegt, ist Agnes Werner zu verdanken. Sie pflegt das alte Mobiliar und kennt dessen Inhalt genau: von der Schublade mit den gummierten Klebeschildchen bis zum Giftschrank mit den schwarzen Türen, die immer abgeschlossen waren.

Die braunen Gläser mit den eingeschliffenen Stopfen sind leer. Nur ihre Aufschriften in lateinischer Sprache und gelegentliche Inhaltsreste erinnern daran, was sich einst darin befand. Kräuter und Arzneitees wurden in runden Pappdosen aufbewahrt, das Salbenfett in weißen Töpfen aus Steingut.

Zum Inventar dieses kleinen Museums zählen auch der Salbentiegel aus Zinn und das Messing-Mikroskop hinter der Glastür des Wandschränkchens. Ein Blickfang ist die präzise Apothekerwaage, auf der Substanzen mit abgezählten Metallkügelchen aufgewogen wurden.

Metallblock zum Fiebermessen

Auf dem Pillenbrett wurde ein Brei aus Hefeextrakt, Glycerin und destilliertem Wasser mit unterschiedlichen Wirkstoffen zu Pillen gedreht. Ein Metallblock mit runden Bohrungen weckt Erinnerungen an eine unbequeme, aber wirkungsvolle Fiebertherapie in Kindertagen: In dieser Form wurden Zäpfchen gegossen.

Für häufige Beschwerden hatte jeder Apotheker seine eigene Rezeptur, die auch ohne ärztliche Verordnung zu haben war. So war es auch bei Friedrich Hotz. „Als Kind bin ich bei Erkältungen noch mit der Hotzaria-Salbe eingeschmiert worden“, erinnert sich Agnes Werner an heilsame Düfte von Menthol und anderen ätherischen Ölen: „Ich weiß heute noch, wie sie gerochen hat.“

Etliche Anekdoten ranken sich um die Rodgau-Apotheke. Zwei davon erzählte Josef-Herbert Spahn am Sonntag. So erinnerte er an den Schullehrer und Rektor Thomas, der unter chronischen Kopfschmerzen litt: Wenn vormittags eine Schülerin in die Apotheke kam, musste Adolf Hippauf nicht lange fragen – er füllte gleich ein Tütchen mit Kopfwehpulver. Auch die Kinder hatten etwas von diesem Botengang, wie sich eine ehemalige Schülerin erinnert: „Man hat ein paar Minuten frei gehabt.“

Zwischen Heilkunst und Literatur

Die zweite Anekdote weiß zu berichten, dass gestandene Männer freitags oder samstags mit einem dringenden Bedürfnis den Apotheker herausklingelten. Spahn: „Ihnen waren beim Kartenspielen die Pfennige ausgegangen und der Apotheker war der Einzige, der immer dienstbereit war.“ Da schließt sich der Kreis zum 21. Jahrhundert: Auch heute noch ärgern sich Apotheker, wenn ihre Kunden nachts mit Wünschen kommen, die sich auch tagsüber hätten erledigen lassen.

Eine Brücke zwischen Heilkunst und Literatur schlug Winno Sahm am Sonntag mit Gedichten von Friedrich Stoltze und anderen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare