Im Heimatmuseum Weiskirchen

Historische Spinnräder: Vom Flachs zum Faden

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„Die spinnen, die Weiskircher“: ab morgen im Museum.

Weiskirchen - „Die spinnen, die Weiskircher“: Unter diesem zweideutigen Titel steht die neue Ausstellung im Heimatmuseum Weiskirchen, die am Sonntag um 11 Uhr eröffnet wird. Sie erklärt anhand historischer Geräte, wie mühsam man früher Wolle und Leinenfäden herstellte. Von Ekkehard Wolf 

Spinnen die Weiskircher? Heute sicher nicht mehr, aber früher sponnen sie schon: Wolle und Flachs. Die Ausstellung im alten Spritzenhaus vermittelt eine Ahnung davon, wie viel Zeit und Mühe diese Tätigkeit in Anspruch nahm. Im Mittelpunkt steht eine Sammlung alter Spinnräder, die der Heimat- und Geschichtsverein vor etwa einem halben Jahr aus einer Erbschaft erhalten hat. „Sie sind alle historisch, teilweise 150 Jahre alt“, sagt Vorsitzender Helmut Trageser. Die Spinnräder und Haspeln sind gut erhalten, aber teilweise wegen ihres Alters etwas fragil. Die alten Holzverbindungen können sich lösen. Behutsam stellten die Ehrenamtlichen aus dem Museumsteam die Geräte auf ihre Podeste.

Eher robust ist die sogenannte Flachsbreche aus dem Jahr 1898. Sie wurde verwendet, um aus den Stängeln der Flachspflanzen die Fasern zu gewinnen. Die Flachsbreche besteht aus zwei Balken, von denen der untere Kerben aufweist. Man zieht ein Bündel Flachs langsam durch die Kerben, während man den oberen Balken auf die Stängel fallen lässt. Dabei werden die verholzten Teile der Stängel gebrochen und fallen zu Boden. Übrig bleibt an Bündel an Fasern, die man zu Fäden verspinnen kann.

Vor dem Flachsbrechen stand noch ein anderer Arbeitsgang, das sogenannte „Rösten“. Das hatte aber nichts mit Hitze zu tun, sondern mit Wasser. Heute würde man wohl eher „Verrotten“ sagen. Die Stängel wurden für ungefähr zwei Wochen in eine Wassergrube gelegt. Der Fäulnisprozess löste die Pektine auf, eine Art natürlichen Klebstoff zwischen Fasern und Holzbestandteilen. Das stinkt nicht nur, sondern setzt auch Schadstoffe im Wasser frei. Die Ausstellung dokumentiert ein frühes Beispiel für amtlichen Umweltschutz: Ein kurfürstlicher Erlass verbot den Weiskirchern, ihren Flachs in der Rodau zu „rösten“, nachdem er ein Fischsterben ausgelöst hatte.

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Eine andere Facette des Themas beleuchten zwei Zeitungsnotizen aus dem „Odenwälder Boten“. Sie legen den Schluss nahe, dass es im schummrigen Licht der Spinnstuben nicht immer sittsam zuging. Wer sich mit der alten Frakturschrift schwertut, kann sich an ein Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins wenden: Die Mitarbeiter des Museums „übersetzen“ gern und beantworten Fragen.

Eine Auswahl an Ansichtskarten zum Thema Spinnen ergänzt die Ausstellung. Die Postkarten stammen ebenso wie die alten Zeitungsausschnitte aus der Sammlung von Albert Walter aus Dudenhofen. Eine Mappe mit weiteren Ansichtskarten bringt er am Sonntag mit. Ein Spinnrad in Aktion können die Besucher nach 14 Uhr erleben, wenn eine Jügesheimerin das alte Handwerk vorführt. Die alte Kunst der Wollherstellung hat auch in der deutschen Sprache ihre Spuren hinterlassen. Wenn sich jemand „verhaspelt“, dann ist der frisch gesponnene Faden von der Haspel gesprungen: Er hat den Faden verloren.

Quelle: op-online.de

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