Halloween schärft den Blick für die Aufgabe

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Unser Redakteur Bernhard Pelka hat mit dem Dekan im Dekanat Rodgau, Carsten Tag, darüber gesprochen.

Welches Verhältnis hat die Kirche zu Halloween? Unser Redakteur Bernhard Pelka hat mit dem Dekan im Dekanat Rodgau, Carsten Tag, darüber gesprochen.

Bereitet es Ihnen Sorge, dass Halloween in den Köpfen vieler Kinder und Jugendlicher präsenter ist als der Reformationstag, dessen man sich am 31. Oktober ja eigentlich erinnern sollte?

Das Dekanat Rodgau ist eines von rund 50 Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und bündelt 17 Kirchengemeinden im Mittel- und Ostkreis Offenbach sowie die Hanauer Stadtteile südlich der Mainlinie, Klein-Auheim und Steinheim. Zusammen bilden sie eine Gemeinschaft von mehr als 50.000 Mitgliedern.

Zunächst sind sowohl Halloween als auch der Reformationstag Feiertage mit einem kirchlichen Hintergrund, wenn auch mit ganz unterschiedlichen Akzenten. Beide haben ihre Berechtigung und ihren Platz, und beide werden entsprechend gewürdigt oder begangen. Halloween ist in der amerikanischen Tradition ein buntes Kinderfest am Vorabend von Allerheiligen - „All Hallows Eve“. Der Reformationstag erinnert zum einen an den Thesenanschlag durch Martin Luther als historischen Termin. Gleichzeitig ist er hochaktuell, denn er ermutigt Menschen dazu, für ihr christliches Bekenntnis und auch für ihre ethischen Grundüberzeugungen und ihre Freiheit einzustehen. Der Reformationstag macht Mut zur Erneuerung. Das ist aber nicht nur eine Botschaft für Erwachsene. Mut zu schöpfen und Freiheit zu entdecken, ist erst recht für Kinder und Jugendliche wichtig. Von daher: Halloween bereitet mir keine Sorge, aber es schärft unseren Blick als Kirche für unsere Aufgaben.

Was kann die christliche Kirche gegen diesen Trend tun, ohne dabei reflexartig als Spaßbremse und besserwisserische Institution abgebügelt zu werden?

Es geht uns überhaupt nicht darum, etwas gegen Halloween zu tun. Wenn Kinder Freude am Verkleiden haben, zusammen mit ihren Eltern Kürbisse schnitzen, Kreativität entdecken und Gemeinschaft erleben, ist das toll. Es entspricht im übertragenen Sinn der aus dem angelsächsischen Raum stammenden Tradition, an Halloween Lichter anzuzünden gegen alles, was dunkel ist und uns Menschen Angst macht. Problematisch wird es, wenn dieser Tag als Deckmäntelchen genutzt wird, um durch Sachbeschädigung oder Schlimmeres Angst und Ärger zu verbreiten. Das hat mit dem ursprünglichen Gedanken von Halloween nichts mehr zu tun. Menschen, die so etwas tun, sind die wirklichen „Spaßbremsen“, denn sie verderben Kindern die Freude an diesem Lichter- und Verkleidungsfest.

„Müssen uns immer wieder verändern, reformieren“

Sehen Sie bei Reaktionen auf diesen Trend die Gefahr, dass die Kirche wichtige Positionen aufweicht und sich zu sehr anbiedert?

Im Gegenteil. Halloween spornt uns als Kirche an, unser Fest zum Reformationstag engagiert zu feiern. Die Positionen der Kirchen sind in einer pluralistischen Gesellschaft nicht das Maß aller Dinge, aber sie sind seit jeher wichtige Wegweiser für gelingendes Leben und gemeinschaftlichen Zusammenhalt. Als evangelische Christen wissen wir, dass es an uns liegt, Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in die Gott uns gestellt hat. Bezogen auf unsere Position zum Reformationstag: Um als Menschheit eine Zukunft zu haben und die Welt als lebenswerten Ort zu erhalten, müssen wir uns immer wieder verändern, also reformieren. Die Ziele sind klar: Frieden auf der Welt, Gerechtigkeit für alle ihre Menschen und Bewahrung von Gottes Schöpfung. Und davon können die Kirchen gar nicht abweichen, weder weltweit noch hier bei uns im Rodgau.

Aus immer mehr religiösen Grundwerten wird ein Abklatsch. Zu erinnern ist etwa an die Debatte um das Mitternachts-Shopping vor hohen kirchlichen Feiertagen wie Karfreitag oder über den Beginn des Offenbacher Weihnachtsmarkts noch vor dem Totensonntag. Wohin führt dieser Weg?

Verkauft wird uns das ja immer als Freiheit. Aber eigentlich droht anderes: die totale Herrschaft des Geldes über nahezu alle Lebensbereiche. Aber wir Menschen sind mehr als Konsumenten. Wir sind gesellig, familiär, nachdenklich, gläubig und skeptisch. Wir brauchen Zeit zum Feiern und zum Ausruhen. Deshalb setzen sich die Kirchen zusammen mit anderen gesellschaftlichen Akteuren für den Schutz der Sonn- und Feiertage ein. Dahinter steht nicht nur das Interesse der Gläubigen, diese Tage für Einkehr und Andacht „freizuhalten“. „Samstags gehört Vati mir“, lautete in den 50er-Jahren ein Gewerkschafts-Credo. Heute wären manche froh, wenn Vati oder Mutti wenigstens sonntags zuhause sein könnten. Das zeigt: Für religiöse und gesellschaftliche Werte und Traditionen einzutreten, ist immer noch aktuell. Menschen brauchen Zeit zur Erholung, zur Besinnung, für Familie und Freunde. Deshalb darf es nicht immer nur darum gehen, rund um die Uhr Geld zu verdienen und wieder auszugeben. Wer das übersieht, degradiert Menschen zu „Humankapital“ und braucht sich über fehlenden Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht zu wundern.

Quelle: op-online.de

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