Das Gehirn wie einen Muskel trainieren

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Gedächtnistrainer Stefan Eyßsen

Nieder-Roden (pep) - Nicht erst seit dem Bekenntnis der Schalke-Größe Rudi Assauer ist die Alzheimerkrankheit besonders präsent. Altersheime widmen sich schon lange diesem Thema und laden sich zum Beispiel Gedächtnistrainer wie Stefan Eyßen ein.

Zuletzt war er in der K+S Seniorenresidenz zu Gast. Wir sprachen dort mit ihm.

Wie sind Sie zum Gedächtnistraining gekommen?

Über die Musik. Ich spiele schon lange im Musikverein Nieder-Roden. Da man beim Jazz die Noten auswendig kennen muss, um dann am Instrument zu improvisieren, wollte ich möglichst viele Takte auswendig lernen. Also habe ich angefangen, mich mit dem menschlichen Gedächtnis und seiner Funktionsweise zu beschäftigen.

Um was geht es beim Gedächtnistraining?

Laienhaft gesprochen funktioniert das Gedächtnis wie ein Muskel. Training ist also wichtig, denn wenn er nicht beansprucht wird, verkümmert er. So ist das auch mit unserem Gehirn. Wenn wir es nicht regelmäßig fordern, vergessen wir leichter.

Unterscheidet sich Gedächtnistraining für Senioren vom Training für Jüngere?

Die Funktionswiese beim Lernen ist in jedem Alter gleich, allerdings sind die Übungen unterschiedlich. Unter Umständen benötigen Erwachsene etwas mehr Zeit als Kinder, weil sie das schon lange nicht mehr gemacht haben. Aber jeder kann lernen. Da haben wir uns lange damit beschäftigt, als wir das Erwachsenen-Orchester im Musikverein ins Leben gerufen haben. Dort spielen nur Menschen ab 50 Jahren, die zuvor noch kein Instrument können.

Früher wurde in der Schule fast nur mit der linken Gehirnhälfte gelernt, also Zahlen, Daten, Fakten. Inzwischen wird auch die rechte Gehirnhälfte einbezogen, also Muse und Emotion. Wir wissen seit Jahren, dass wir uns Dinge besser merken können, wenn beide Hirnhälften gesprochen werden.

Wir vergessen durch Training Dinge also langsamer?

Es ist strittig, ob wir überhaupt irgendetwas vergessen, oder ob wir es einfach nur im Gedächtnis ablegen und nicht mehr wiederfinden und darauf zugreifen können.

Kann man mit Gedächtnistraining Alzheimer vorbeugen oder es damit behandeln?

Alzheimer als die häufigste Form der Demenz ist leider nicht mit Gedächtnistraining therapierbar, da die Ursachen für die Krankheit woanders liegen. Bei vielen anderen Krankheiten allerdings hilft das Training. Es kann unter Umständen zumindest den Krankheitsverlauf verzögern. Kernanwendungsbereich ist allerdings das klassische Vergessen ohne eine Krankheit als Ursache.

Wie merke ich mir Sachen besonders gut?

Es ist wichtig, sich mit den Dingen zu beschäftigen. Dabei sollte man interessiert lernen, das heißt jede Wiederholung muss für das Gehirn interessant sein. Stures Wiederholen kann sogar zum „entlernen“ führen. Das beste Beispiel kennt jeder aus der Schulzeit. Die meisten Spickzettel, die man geschrieben hat, hat man dann schon gar nicht mehr gebraucht. Dadurch, dass man sich vorher genau überlegt hat, was alles drauf soll, hat man sich so intensiv damit beschäftigt, dass man dann in der Schule noch genau wusste, was man drauf geschrieben hatte.

Grundsätzlich lernt jeder Mensch anders. Grob kann man nach optischen beziehungsweise visuellen und akustischen Lerntypen unterteilen. Beim Merken von Passwörtern und Pins stellen sich viele ein großes Logo der Seite oder Bank und daneben ihre leuchtenden Zahlen vor. Andere sprechen die Kombination laut aus und „hören“ dann ihre Pin wieder, wenn sie vor dem Geldautomat stehen. Wieder andere können den Pin nicht sagen, sobald aber die Finger auf der Tastatur liegen, können sie ihn eingeben.

Eine ganz bekannte Methode, um sich lange Listen zu merken, ist die sogenannte Loci-Methode. Dabei stellt man sich einen Ort vor, den man sehr gut kennt. Dort geht man in Gedanken einen bekannten Weg ab, etwa quer durch die eigene Wohnung. Der Weg bleibt dabei immer gleich. An jede markante Ecke wird nun gedanklich ein Begriff gehängt. So kann man sich zum Beispiel auch einen Einkaufszettel vorstellen und merken.

Haben Sie noch ein paar kleine Tipps?

Generelle Achtsamkeit und das genauere Hinhören bei unserer Sprache ist ein wichtiger Schritt. Unser Sprachschatz hat nachgelassen, weil viele neue Wörter die alten verdrängen. Aber wenn ich Dinge nicht gut beschreibe, dann kann ich sie mir auch nicht so gut merken. Für ein besseres Namensgedächtnis: Namen sofort wiederholen, nochmals fragen oder Schreibweise des Namens erfragen.

Quelle: op-online.de

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