Dem Einschmelzen entgangen

500 Jahre Marienglocke

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In der engen Glockenstube lässt sich kaum fotografieren. 

Nieder-Roden -  Stolze 500 Jahre alt ist die Marienglocke, eine der vier Glocken von St. Matthias in Nieder-Roden. Beim Kirchweihfest am 9. September möchte Pfarrer Dr. Peter Eckstein dieses Jubiläum würdigen. Von Simone Weil

Darüber freut sich auch Bruno Schultheis, der eng mit der Marienglocke verbunden ist, weil er sie als Messdiener läuten durfte. Bruno Schultheis ist eigens noch einmal in den engen Glockenturm gestiegen und hat Fotos gemacht. Denn zunächst bestand noch Unklarheit darüber, aus welchem Jahr die Glocke wirklich ist.

Auch Andreas Jost hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Das ehemalige Nieder-Röder Gemeindemitglied ist zwar weggezogen, fühlt sich seiner hessischen Heimat aber noch verbunden. Jost hat sogar noch einen Fachmann zurate gezogen und dem Glockensachverständigen Kurt Kramer Fotos geschickt.

Der Befund sei eindeutig, schreibt Kramer. Die Inschrift sagt: XVIII (in arabischen Zahlen: 18). Damit wird das gute Stück, anders als in der Pfarreichronik angegeben, bereits in diesem Jahr 500 Jahre alt.

Der Fachmann: „So wie die Inschrift gestaltet ist, kann dies nur die Jahreszahl sein, also 1518, da die Glocke nach Inschrift und Zier aus dem späten 15. Oder frühen 16. Jh. stammt. Demnach wäre das Form- und Gussjahr für mich zweifelsfrei das Jahr 1518. Ein Vorbehalt gibt es. Der Guss wäre misslungen und die Glocke wurde 1519 mit der alten Inschrift noch mal gegossen. Das ist aber sehr unwahrscheinlich.“

Die Inschrift lautet in der Übersetzung: Marienglocke heiß ich – zu Gottes Ehre läut ich – Meister Stephan zu Frankfurt goss mich 1518.

Seit 500 Jahren ist die Glocke an ihrem Platz. 

Zur Geschichte des Geläutes hat Pfarrer Eckstein folgende Daten zusammengetragen: Ursprünglich hatte der Nieder-Röder Kirchturm nur eine Glocke – nämlich die Marienglocke. 1726 kam eine weitere, kleinere Glocke dazu. Diese Glocke zersprang 1890, kurz vor Abriss der alten St. Matthiaskirche. Da anonym gebliebene Wohltäter einen Beitrag von 3000 Mark für das Geläute gestiftet hatten, entschloss sich der damalige Kirchenvorstand, zwei neue Glocken anzuschaffen, die erstmals am Pfingstsonntag 1890 erklangen.
Einen Monat vor der Grundsteinlegung der jetzigen St. Matthiaskirche (16. April 1895) stiftete ein weiterer unbekannter Spender eine vierte Glocke, sodass sich das Geläute der St. Matthiaskirche in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts verdoppelte.

Im Sommer 1917 – der Erste Weltkrieg tobte bereits seit drei Jahren – mussten bis auf die Marienglocke alle drei Glocken vom Turm geholt werden. Sie wanderten in die Munitionsfabriken des wilhelminischen Kaiserreiches.

Pfarrer Peter Eckstein (links) und Bruno Schultheis liegt die Marienglocke am Herzen.

Am 25. November 1921 wurden schließlich wieder zwei neue Glocken geweiht. Diese teilten 21 Jahre später das Schicksal ihrer Vorgängerinnen: Im Mai 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurden auch sie zu Rüstungszwecken vom Turm heruntergeholt. Wieder entging einzig die Marienglocke wegen ihrer vorzüglichen Qualität und ihres historischen Wertes diesem Schicksal. „Das Reich Hitlers entging dem seinen deshalb freilich nicht. Zum Glück, wie wir heute sagen müssen“, meint Pfarrer Eckstein.

Dank des großen Engagements vieler Gemeindemitglieder in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die mit Haussammlungen und den Verkauf von Bausteinen den stattlichen Betrag von über 16.000 Mark zusammenbrachten, konnten im Dezember 1950 drei neue Glocken angeschafft werden, die erstmals in der Neujahrsnacht 1950/51 zusammen mit der Marienglocke wieder vierstimmig das neue Jahr einläuteten. Das Geld reichte darüber hinaus noch dafür aus, die Läuteanlage zu elektrifizieren.

Bilder

Pfarrer Peter Eckstein freut sich sehr, dass die Glocken seit einigen Jahren wieder erklingen. Das sei nämlich bei seinem Start in Nieder-Roden vor 20 Jahren nicht der Fall gewesen, erzählt der Geistliche. Gleichzeitig ist er froh über die Toleranz seiner Gemeinde, die sich am Geläut nicht stört. „Eher im Gegenteil“, meint Bruno Schultheis. Und beide Herren sind sich einig: Der Glockenklang hat viel mit Heimat zu tun und berührt die meisten Menschen tief in ihrem Innersten.

Nur einmal waren die Nieder-Röder Bürger eher besorgt als erfreut übers Geläut: Ein technischer Defekt war schuld, dass die Glocken ohne Unterlass fast eine dreiviertel Stunde lang läuteten. Erst der Elektriker schuf Abhilfe, als er die Stromzufuhr unterbrach.

Quelle: op-online.de

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