Jüdische Familie Meyer aus Großbritannien

Auf der Suche nach den Wurzeln: Hass und Schmerz überwunden

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Die Nachfahren Michael Meyers, letzter Vorsteher der jüdischen Gemeinde Weiskirchen, besuchten Rodgau, Offenbach und weitere Stationen im Kreis. Ihre Spurensuche wurde mit allerlei Unterstützung möglich gemacht. 

Jügesheim - Zu den Wurzeln ihrer Familie kehrten für einen Besuch nach Rodgau zurück die Nachfahren von Michael Meyer, letzter Vorsteher der jüdischen Gemeinde Weiskirchen.

Geprägt ist die Familiengeschichte von den Gräueltaten der Nazis, von Enteignung, Vertreibung und Ermordung. Deswegen sind die 13 Besucher in Großbritannien aufgewachsen. Trotzdem ist es keine Trauergesellschaft, die Bürgermeister Jürgen Hoffmann im Rathaus willkommen heißt. Die große Familie erlebt den Besuch auch als gemeinsamen Ausflug. Er selbst sei in Weiskirchen geboren und fühle sich der Familie verbunden, weil er in der Michael-Meyer-Straße lebe, erzählt Hoffmann unter Beifall.

Angestoßen hat Stephen Meyer die Begegnung. Er hatte vor etwa zwei Jahren Kontakt zu Helmut Trageser geknüpft, dem Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins Weiskirchen, der das Treffen arrangierte. Der 65-jährige Stephen ist ein Enkel Albert Meyers, einem der drei Brüder von Michael Meyer.

Als er erzählte, dass er vorhabe, gründlicher nach seinen deutschen Wurzeln zu suchen, hätten sich sofort weitere Mitglieder seiner Familie entschlossen, ihn zu begleiten, berichtet der Besucher. So sei die 13-köpfige Reisegruppe samt dem elfjährigen David zustande gekommen. Ihm bedeute es sehr viel, an den Orten der Ahnen zu sein, sagte er.

Seine Cousine hatte ursprünglich nicht vor, ihn zu begleiten, doch sie hat ihre Meinung geändert, als große Teile der Familie dabei sein wollten. Ihre Mutter hätte deutschen Boden nie mehr betreten, versichert sie. Auch die Sprache habe sie nie mehr benutzt, obwohl die Kinder später Deutsch in der Schule gelernt hätten. Hass und Schmerz seien aber durchaus nachvollziehbar gewesen, meint sie.

Michael Meyer übernahm von seinem verstorbenen Vater das Amt des Vorstehers der jüdischen Gemeinde Weiskirchen zu der auch Jügesheim und Hainhausen gehörten. Alle drei Söhne dienten im Ersten Weltkrieg als Soldaten. Albert, der zweite Sohn, gründete in Offenbach eine Lederwarenfabrik, die schon bald einen Zweigbetrieb in England hatte und dorthin exportierte. Diese Filiale erleichterte die Übersiedlung nach England in den Zeiten der Verfolgung nach 1933. Albert konnte fast die gesamte Familie nach England retten. Sein Bruder Benno und dessen Frau Hildegard gingen nach Berlin und damit in den sicheren Tod. Benno starb 1940 unter ungeklärten Umständen. Seine Frau Hildegard wurde im KZ Stuthof ermordet.

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Mit Fahrern und Übersetzern ist die große Gruppe, die von zwei Vertreterinnen der Geschichtswerkstatt Offenbach begleitet wurde, im Kreis Offenbach unterwegs. Zunächst besuchten sie die ehemalige Fabrikantenvilla der Familie Meyer in der Offenbacher Tulpenhofstraße 42. Daran schloss sich eine Besichtigung des Capitoltheaters, der ehemaligen Offenbacher Synagoge, an. Nach einem Besuch der heutigen jüdischen Gemeinde in Offenbach fand eine Stadtbesichtigung in Steinheim statt mit einer besonderen Würdigung der ehemaligen Judengasse, aus der die Familie stammt.

Am Abend gab es Gespräche in einem Lokal in Steinheim. Am Sonntag ging es zum jüdischen Friedhof in Heusenstamm. Dort sind die Gräber der Vorfahren erhalten geblieben, was für die Nachfahren sehr beeindruckend war.

Nach dem Empfang im Rathaus ging es zur ehemaligen Synagoge in Weiskirchen. Eine gemütliche Kaffeetafel im alten Spritzenhaus beschloss das turbulente Wochenende. Die britischen Besucher waren begeistert und dankbar. Und: Sie wollen wiederkommen. (siw)

Quelle: op-online.de

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