Hilfe in unserer Stadt

Das Café Hoffnung begleitet trauernde Menschen

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Kerzenlicht kennzeichnet die Atmosphäre im „Café Hoffnung“. Kerzen und Blüten erinnern an die Toten.

Jügesheim – Einsamkeit, Ohnmacht und ein tiefer, nie gekannter Schmerz – nur zu oft lässt der Tod eines geliebten Menschen Lebenspartner oder nahe Angehörige mit dem erdrückenden Gefühl zurück, fortan ohne Sinn zu leben.

Ein Licht im Nebel der Verzweiflung entzündet die evangelische Emmausgemeinde in Jügesheim einmal im Monat: Das Café Hoffnung steht allen offen, die in Gesellschaft ebenfalls Trauernder Trost und neue Kraft finden wollen.
Niemand, das weiß Gabi Grosse, kennt das Gefühl der Leere so gut wie jemand, der selbst erst kürzlich einen Verlust erlitten hat. Seit sie das Café Hoffnung 2011 zusammen mit einer Freundin aus der Emmausgemeinde ins Leben rief, hat sie vor allem eines gelernt: „Jeder Mensch trauert anders,“ Patentmuster für den Umgang mit den Trauergästen, wie Grosse und ihr ehrenamtliches Team die Besucher nennen, gebe es ebenso wenig wie Standards für die Programmgestaltung. „Kein Abend verläuft wie der andere“, sagt die Initiatorin. Grundsätze gibt es dennoch: Niemand wird bedrängt, Freiräume bleiben auch in der Gruppe bestehen – und Zuhören ist für die aktuell vier Helferinnen die mit Abstand wichtigste Disziplin.

In der Vorbereitung gleichen die Café-Abende am dritten Donnerstag jedes Monats daher etlichen anderen Gruppentreffen, die im Gemeindezentrum an der Berliner Straße regelmäßig stattfinden. Die Gastgeberinnen stellen Getränke und Snacks bereit, decken die Tische und sorgen dafür, dass sich ihre Gäste wohlfühlen. „Wer kommt, weiß man nie“, sagt Helferin Nicole Gérard-Greulich. „Mal sind es zehn oder zwölf Leute, manchmal auch nur drei.“ Unter alte Bekannte, deren Verlust schon länger zurückliegt und die teils seit Jahren immer wieder einmal vorbeischauen, mischen sich Menschen, die erst kürzlich ihren Partner oder einen nahen Angehörigen verloren haben.

Gerade für sie sei der Kontakt mit Trauernden, die schon einen Weg aus ihrer Verzweiflung gefunden haben, oft sehr hilfreich, hat Ute Debus festgestellt: „Sie erleben, dass es anderen ähnlich und vielleicht sogar noch schlechter geht.“ Das sei oft der erste Schritt aus der eigenen Isolation. Manche finden im Umgang mit anderen Betroffenen sogar eine Berufung – so wie Nicole Gérard-Greulich, die nach dem Tod ihres Vaters im Café Hoffnung Trost und Unterstützung fand und jetzt seit fünf Jahren zum Team gehört: „Ich habe die Seiten gewechselt“, sagt sie – und dabei nach eigenem Empfinden viel gelernt.

Die Helferinnen bringen nicht nur guten Willen, Offenheit und Lebenserfahrung mit, sie werden für ihre Aufgabe auch geschult. Grundlagen vermittelt ein Seminar mit erfahrenen, professionellen Trauerbegleitern. Weiteres Wissen beziehen die Ehrenamtlichen laut Gabi Grosser aus Fortbildungskursen und einer immer umfangreicheren Literatur, nicht zuletzt aus Kontakten mit anderen Helferkreisen. So stehen die Jügesheimer in Kontakt mit den ebenfalls ehrenamtlichen Sterbebegleitern von der Hospizgruppe Seligenstadt und Umgebung und mit den Johannitern in Rodgau, die unter anderem regelmäßig Spaziergänge für Trauernde anbieten. Zwar lernen sie auch, sich selbst zu schützen, die Tragik menschlicher Schicksale nicht zu nahe an sich heranzulassen. Falls sich das geistige Rüstzeug indessen als unzulänglich erweist, stehen im Hintergrund Supervisoren und eine spezialisierte Therapeutin bereit.

Eine Grundregel haben alle vier Helferinnen im Café Hoffnung verinnerlicht: Wohlfeile Phrasen helfen ihren trauernden Gästen ebenso wenig wie forsche Ermunterung. Im Gegenteil: Sätze wie „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Du musst jetzt stark sein“ oder „Das Leben geht weiter“ erzeugen nach den Erfahrungen von Gabi Grosse oft Druck statt Trost. Der Trauernde bekomme das Gefühl, sich zusammenreißen zu müssen und mit seinen Gefühlen allein zu sein. Dabei brauche Trauer vor allem Raum und Zeit – wie viel und wie lange, komme auf den einzelnen Menschen an. Der größte Fehler aber sei, den Todesfall gar nicht anzusprechen. Große Worte braucht es laut Grosse nicht: Oft genüge ein ehrliches „Es tut mir leid.“

Symbol-Pflanzen für Beerdigung und Gedenktage

Überhaupt vom Tod und der eigenen Trauer zu sprechen, fällt Betroffenen nach den Beobachtungen der Helferinnen heute leichter als noch vor einer Generation. „Die Menschen sind offener geworden“, hat Ute Debus wahrgenommen – auch im Café Hoffnung, dessen Gäste inzwischen nicht nur aus Rodgau, sondern auch aus der näheren Umgebung kommen. Auf der Homepage des evangelischen Dekanats wird das Angebot ebenso vorgestellt wie auf Flugblättern, die in Apotheken und Geschäften ausliegen. Willkommen sei jeder, betont Gabi Grosse – egal wie lange ein Todesfall zurückliegt, ob sich der Betroffene Ruhe, stilles Verständnis oder offene Gespräche wünscht. (zrk)

Café Hoffnung

Das überkonfessionelle Trauercafé findet am dritten Donnerstag jedes Monats um 19 Uhr im Gemeindezentrum der Emmausgemeinde Jügesheim, Berliner Straße 2, statt. Kontakt: 06106-3673.

Quelle: op-online.de

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