Puppe statt Playmobil

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Ursula Haas zeigt Clemens und Paula Valta ein Sammelbilderbuch.

Jügesheim - „Oma, womit hast du eigentlich früher gespielt?“ Diese Frage beschäftigt die Hortkinder der katholischen Kindertagesstätte St. Nikolaus. „Puppe statt Playmobil“ ist nur ein Teil der Antwort. Von Ekkehard Wolf

Ursula Haas zeigt Clemens und Paula Valta ein Sammelbilderbuch.

Am Ende steht die Erkenntnis: Auch wenn sich die Spielsachen im Lauf der Jahrzehnte verändert haben, sind die Grundmuster vieler Spiele heute noch aktuell.

Wie erklärt man Kindern der Überflussgesellschaft und des Internet-Zeitalters eine Kindheit vor 60, 70 Jahren? Drei Großmütter von Jügesheimer Kindern haben es auf Bitte unserer Zeitung versucht. Maria Bruder hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, sie wurde zu Kriegsbeginn eingeschult. Für Gerda Kukula, Jahrgang 1942, war die Flucht aus Oberschlesien ein prägendes Erlebnis ihrer Kindheit. Ursula Haas, Jahrgang 1946, ist zwar kein Kriegskind, musste aber in der Nachkriegszeit auch mit wenig auskommen. Sie sagt: „Wir haben keinen Mangel empfunden. Wir wussten ja nicht, was ,mehr‘ ist.“

Eine Puppe war für viele Mädchen der größte Schatz: Sie wurde geliebt und umsorgt wie ein Lebewesen und bekam zu Weihnachten neue, selbst genähte Kleider. Maria Bruder besaß sogar eine echte Käthe-Kruse-Puppe. Allerdings verlor auch die schönste Puppe mal ein Auge oder einen Arm. Wegwerfen? Von wegen! „Bei uns in Frankfurt gab es einen Puppendoktor, der die Püppchen repariert hat“, erinnert sich Ursula Haas.

Spiele im Freien

Springseil, Spielkarten-Quartett und ein Kreisel aus Blech: Die Kinder spielten nicht nur mit solchen gekauften Spielsachen, wie Ursula Haas erzählt. „Wir haben hölzerne Garnrollen aneinander gebunden, das waren unsere Autos oder unser Zug. Wir hatten ja Phantasie und haben etwas daraus gemacht.“

Ein Märchenpuzzle aus Holzwürfeln hat Gerda Kukula für ihren Enkel Johannes mitgebracht.

Besonders in Erinnerung sind allen drei Omas die Spiele im Freien. „Da ließ man die Kinder noch in den Höfen spielen“, erzählt Ursula Haas. Für Gerda Kukula und ihre Spielkameraden waren die Überreste zerbombter Häuser in Magdeburg ein einziger Abenteuerspielplatz: „Ich weiß noch, dass wir sehr gerne in den Trümmern gespielt haben. Es war gefährlich und verboten, aber wir Kinder sind immer wieder hingegangen.“ Auch später, ab 1949 in Offenbach, war Gerda Kukula viel im Freien: „Abends kam der Laternenmann und hat die Laternen angemacht. Das war für uns Kinder das Signal, nach Hause zu gehen. Ansonsten waren wir nur auf der Straße.“ Hüpfkästchen, Murmeln, Rollschuhe oder ein Ball boten Abwechslung. Eine Modenschau mit Mamas Kleidern, ein improvisierter Kaufladen und selbst gebaute „Zelte“ aus Decken und Stühlen waren weitere Spiele am Anfang der 50-er Jahre.

Am Wochenende immer etwas unternommen

„Es war für mich eine glückliche Zeit“, sagt Gerda Kukula: „Wir hatten Freiheit und konnten uns bewegen. Bekannte hatten eine große Gärtnerei, da konnten wir tun, was wir wollten. Wir durften in die Nussbäume steigen und haben dort Baumhäuser gebaut.“ Und weiter: „Unsere Eltern haben mit uns am Wochenende immer etwas unternommen, wir haben viele Spaziergänge gemacht. Abends haben wir oft ,Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt.“

Während die beiden anderen noch Kinderspiele spielten, zählte Maria Bruder schon zu den Heranwachsenden: „Nach dem Krieg habe ich schon mit 15 gearbeitet und mir mein erstes Fahrrad gekauft.“ Die Haarschere markierte für sie den Abschied von der Kindheit: „Alle Mädchen hatten lange Zöpfe. Meine waren so lang, dass ich fast darauf sitzen konnte. Als ich älter wurde, war die erste Amtshandlung, sie abzuschneiden.“

Spielen ist Lernfeld fürs Sozialverhalten

Mit Puppen spielen Mädchen heute nicht mehr so intensiv und ausdauernd wie früher. Playmobil-Figuren und die Themenwelten von Lego sind weitaus beliebter. Doch mit den kleinen Plastikmännchen spielen die Kinder ähnliche Rollenspiele: Alltagssituationen aus Familie, Schule und Arbeitsleben, mit denen sie lernen, die Welt zu verstehen.

Dass sich alle Kinder aus der Nachbarschaft nachmittags im Freien treffen, ist selten geworden. „Heute verabreden sie sich und besuchen ihre Freunde in der Familie“, sagt Ursula Haas. Spielen ist aber nach wie vor ein Lernfeld fürs Sozialverhalten. Gerda Kukula: „Wenn man zu mehreren spielt, muss man miteinander auskommen. Das ist wie zu unserer Zeit: Wenn sich einer nicht mit den anderen vertragen hat, hieß es, du darfst nicht mitspielen.“

Quelle: op-online.de

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