Keine Waren von Großkonzernen

Renate Haller feiert Geburtstag: Seit 35 Jahren betreibt sie ihren Bioladen

+
Das Kissen mit dem für die Zeit so typischen „Atomkraft – Nein Danke“ hat Renate Haller selbst geknüpft. Es ist genau so alt wie ihr Geschäft: nämlich 35 Jahre. Das Jubiläum wird am 17. und 18. Mai gefeiert.

Renate Haller ist seit Jahrzehnten von Bio-Lebensmitteln überzeugt und hat sie zu ihrem Beruf gemacht. 1984 eröffnete sie den ersten eigenen Laden, die „Kichererbse“ an der Dudenhöfer Straße in Jügesheim.

Jügesheim – Nach weiteren Stationen betreibt sie seit 2006 ihr Geschäft mit über 200 Quadratmetern Verkaufsfläche an der Hintergasse in Giesem. Ihr 35-jähriges Bestehen feiert Renate Haller jetzt am Freitag und Samstag, jeweils ab 10 Uhr, mit Verkostungen und Probierständen.

Vor 35 Jahren wurden Sie mit der Idee, einen Bioladen aufzumachen, sicher noch belächelt oder zogen gar böse Bemerkungen auf sich?

Ja, als ich vor 1984 beschloss, noch in meinem Abitursjahr meinen Bioladen zu eröffnen, war das schon eine exotische Idee für Rodgau. Die Reaktionen waren vielfältig, von besorgt über belächelt gab es dennoch große Zustimmung. Die Reaktionen, die mich erreichten, waren überwiegend zustimmend.

Sie waren blutjung, als Sie Ihr Geschäft eröffneten. Würden Sie den Schritt in die Selbstständigkeit noch mal so früh wagen?

Warum nicht mit 22 selbstständig machen? Ich hatte eine fundierte Ausbildung absolviert, die Theorie an der Oberstufe Kerschensteiner-Schule gelernt. Auch der älteste Esel kann noch richtig teure Fehlentscheidungen treffen. Ich wusste, was ich will, hatte ganz konkrete Vorstellungen von der Art, wie ich wirtschaften wollte und die nötige Portion Kreativität, um mit kleinen Mitteln Pläne umzusetzen, war auch mit an Bord.

Ist Bio wirklich Bio oder nur teures und verschrumpeltes Gemüse?

Bio ist heute ein Schlagwort, das aus der Werbung nicht mehr wegzudenken ist, und das viele gut kleidet. Wer unsere Bio-Mango aus Burkina Faso kauft, hilft auch den Kindern dort vor Ort. Sorgfältiger Umgang mit Lebensmitteln ist für mich verpflichtend und setzt auch Frische voraus. Die krumme Möhre wird bei uns nicht aussortiert und darf sogar unverpackt an die Kasse gebracht werden.

Es gibt einen großen Informations- und Beratungsbedarf bei der Kundschaft. Wie schaffen Ihre Mitarbeiter und Sie sich Kenntnisse drauf?

Wir, und damit sind alle Mitarbeiter, von der Einräumhilfe bis zur Thekenfachkraft gemeint, haben einen hohen Anspruch, was die Beratungsqualität und die Fachkompetenz betrifft. Sowohl bei uns im Bioladen, wie auch bei Herstellern, finden regelmäßig Fortbildungen statt, die alle auch mit Begeisterung besuchen. Besondere Highlights sind dann eine Käsereise ins Allgäu, Weinlese in Spanien mit Bioladen-Kollegen oder mal Abtauchen zur Heilkräuterernte bei Dr. Hauschka. Interne Coachings mit Frau Kurz vom Perlentaucher bereichern uns nicht nur fachlich.

Welche Grundsätze sind Ihnen bei den Produkten heute noch wichtig?

Alle uns angebotenen Produkte müssen ein engmaschiges Netz an Kriterien erfüllen, bevor sie ins Sortiment aufgenommen werden. Die Bioqualität muss umfassend gesichert sein. Hierfür sorgen zum Beispiel die bekannten Anbauverbände. Wir wollen eine enkeltaugliche Landwirtschaft.

Der Geschmack muss uns überzeugen. Wir handeln fair für alle Beteiligten. Da ich überschaubare Handelsstrukturen verlange, gibt es keine Waren von Großkonzernen bei uns.

Gemeinnützige Aktivitäten wie ein Nabu-Projekt oder der Kindergartenbau in der Dominikanischen Republik sollten stattfinden.

Viele verschiedene Öko-Labels machen es oft unübersichtlich, was der Verbraucher kauft. Was raten Sie denen?

Die Ökolabels sind tatsächlich vielfältig und der Verbraucher sollte wirklich sehr genau hinschauen und auch mal nachfragen, wie diese definiert sind. Das ist heute sehr gut möglich und der Kunde kann sich durchaus gut vorinformieren, was jeweils ganz konkret hinter Werbeversprechung steckt.

Sie selbst haben verschieden Ernährungsstile ausprobiert. Was ist Ihnen wichtig?

Nach Makrobiotik, fünf- Elemente-Ernährung, Vollwertkost, Ayurveda, Vegan, Low Carb, High Protein, Rohkost um nur Einige zu nennen, ist für mich persönlich wichtig: Ich wähle ausschließlich biologisch erzeugte und möglichst unverarbeitete Lebensmittel aus. Die Lebensmittel bereite ich frisch und vollwertig zu. Es gibt im Hause Haller keinen isolierten, weißen Zucker Und ganz wichtig ist die Freude an der Zubereitung und der Spaß beim Essen der einfachsten Schüssel Vollkornreis.

Was halten Sie von Bio-Produkten aus dem Supermarkt oder dem Discounter?

Supermärkte und Discounter sind durchaus heute Grundversorger in Deutschland und haben mittlerweile auch Bio für sich entdeckt. Angetreten sind wir für „Bio für Alle“. Hier ist der Kunde gefragt, was er will. Ein Produkt, auf dem Bio draufsteht, das erhält er heute in jedem Supermarkt. Unsere Ansprüche an Produkte und Hersteller verlangen aber deutlich mehr und das deckt sich nicht mit Bio-billig. Eine Top-Qualität hat einfach ihren Preis. Jeder trägt auf seine Weise dazu bei, seine Welt gut zu gestalten. Und Bio darf dabei nicht fehlen.

Das Gespräch führte Simone Weil

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare