Jahrgang 1927/28 trifft sich

Humor verbindet sie alle

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14 Jahre sind sie im Durchschnitt alt, als die Schüler der Jahrgänge 1927/28 bei ihrer Schulentlassungsfeier 1942 für das Foto vor dem Jügesheimer Wasserturm posieren.

Jügesheim -  Worüber machen sich 90-Jährige Gedanken? Beim vierteljährlichen Jahrgangstreffen geht es fröhlich zu. Geteilt werden aber auch Erinnerungen – und so manche Alltagssorgen. Von Tamara Schempp 

Mit strengem Blick oder verschämt lächelnd schauen sie in die Kamera. Dabei gibt es für die 72 Mädchen und Buben der Geburtenjahrgänge 1927/28 etwas zu Feiern: Die Entlassung aus der Volksschule. Es ist das Jahr 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. Die Mädchen werden nun ein verpflichtendes Haushaltsjahr absolvieren. Dabei helfen sie kinderreichen Familien beim Einkauf, der Wäsche und dem Kochen. Die Buben gehen in die Lehre, oftmals als Metallhandwerker in der Lederwarenindustrie oder als Elektriker.

76 Jahre später sitzen die ehemaligen Schulkameraden an zusammengeschobenen Tischen bei Kaffee und Kuchen in einer Jügesheimer Bäckerei. Das machen sie viermal im Jahr, um den Kontakt zu pflegen und sich auszutauschen. Die Ersten am Tisch sind Erika Rhein, Gretel Löb, Herrmann Becker und Rudi Bischof. Die vier haben es sich in der Ecke gemütlich gemacht.

Was ihre Schulzeit so besonders gemacht hat? „Das war der frechste Jahrgang in der Zeit damals“, erinnert sich Gretel Löb, Streiche waren beliebt auf dem Schulhof: Die Mädchen nähten den Buben die Ärmel der Jacken zu und füllten sie mit Sand. Die Jungs rächten sich, indem sie die Mädchen an den Zöpfen zogen. „Die ganze Bande hat gemacht, was sie wollte“, erzählt Löb lachend.

Frech sind manche von ihnen bis heute geblieben. Hermann Becker hat immer einen Spruch auf den Lippen. Sein fröhliches Motto: „Und schlägt das Gesicht schon Falten, wir bleiben doch die Alten.“ Er sei der Jüngste, erklärt Becker mit einem verschmitzten Grinsen. „Eigentlich hatte ich erst 22 mal Geburtstag.“ Wie das sein kann? Seinen Geburtstag, den 29. Februar, gibt es kalendarisch nur in einem Schaltjahr.

Während des Unterrichts herrschten früher Disziplin, Fleiß und Ordnung. Wer sich nicht benehmen konnte, bekam vom Lehrer Prügel mit dem Rohrstock – die Mädchen auf die flache Handinnenfläche und die Jungen auf den Hindern. Gretel Löb ist froh, dass diese Form der Züchtigung heute nicht mehr praktiziert werden darf. „Das war schon Körperverletzung.“

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Der Älteste in der Runde ist Theodor Haller, der einzige im Jahrgang 1927. Gestatten: „Alt, 91, mir geht’s gut. Ich bin der Veteran, das sind alles junge Dinger um mich herum.“ Haller ist mit seiner Frau Meta gekommen. Sie gehöre aber nicht zum Jahrgang, betont sie. „Man nimmt e jung Ding, da hat ‘mer immer ‘was“, scherzt Haller. Seine Frau und die Schulkameraden lachen herzlich mit.

Am Tisch daneben erzählt Erika Rhein gerade von ihrem liebsten Hobby – seit fast 30 Jahren kleidet sie Puppen nach dem Vorbild des Rodgauer Prinzenpaars ein – als eine fröhliche Stimme über die Tische trällert: „Grüß’ euch, ihr Hübschen!“ Elisabeth Kilian kommt am Arm ihrer Begleiterin Martina Hormes mit Rollator angefahren. Freudig wird „Liesel“ begrüßt. Nun sind sie für heute vollständig.

Auch traurige Töne werden beim Jahrgangstreffen angeschlagen. Die verstorbenen Freunde und Verwandten, das Gedächtnis, das sich verschlechtert, die schmerzende Prothese: Das Alter bringt Nachteile mit sich. Aber es gibt auch Vorzüge, etwa für Männer im Alter, scherzt Gretel Löb und streicht Hermann Becker über die Glatze: „Man muss nicht mehr zum Friseur, morgens mit ‘de Waschlappen drüber und alles ist in Ordnung.“ Nach 76 Jahren verbindet die früheren Klassenkameraden vor allem eines bis heute: Humor.

Quelle: op-online.de

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