Der Rhythmus verbindet

Percussion-Gruppe trommelt fürs Freiwillige Soziale Jahr

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Ihren Rhythmus finden die Trommler von „All inclusive“ mit Leichtigkeit. Das Foto zeigt die Percussion-Gruppe der Behindertenhilfe bei der Probe im Haus Emmanuel.

Jügesheim -  Das Wir-Gefühl gehört nicht nur dazu, es ist sogar das Wichtigste. Wenn Alex, Jutta, Uwe und ihre Freunde die Trommeln dröhnen lassen, werden sie zum musikalischen Kollektiv.

Dessen ungeachtet - oder gerade deshalb - haben es die Perkussionisten von „All inclusive“ bisher bei jedem Auftritt geschafft, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und mitzureißen. Betreuer Anselm Schwab weiß auch warum: „Die Menschen spüren unsere Energie.“ Fast mit Händen zu greifen ist die Mischung aus Freude, Spannung und Ehrgeiz, als Schwab und sein Kollege Alexander Hagen das Startzeichen für die Aufwärmrunde geben. Den Gemeinschaftsraum der Wohngruppe im Haus Emmanuel erfüllen üppige Akkorde, die an Fan-Gesänge in einem Fußballstadion erinnern. Die Musik aus dem Computer ist wie alle Stücke, die die Musiker seit einem Jahr in ihr gut halbstündiges Programm aufgenommen haben, selbst komponiert und ein Gemeinschaftsprodukt.

So funktioniert das Konzept seit der Gründung im Frühjahr 2016. Hagen und Schwab verstehen sich nach eigenem Bekunden als „Anleiter“, nicht als Anführer der Gruppe. „Wir bringen ein bisschen Struktur rein“, erläutert Alexander Hagen: Er oder Anselm Schwab zählen laut vor und geben den Trommlern ihre Einsätze mit deutlicher Gestik. Wer mit einem Solo dran ist, wird mit seinem Namen aufgerufen. Schwab steigt schon mal auf einen Tisch und tanzt, wenn die Musiker mit afrikanischen Handtrommeln, Rasseln, Cow Bells und klassischen Schlagzeug-Komponenten wie Crash-Becken, Snare oder Tomtom ihren Rhythmus gefunden haben.

Dass wie dieser Tage in der Rodgauer Wohngruppe geprobt wird, ist eher die Ausnahme. Gewöhnlich übt die 15-köpfige Percussion-Band ihre Stücke in der Wohnanlage für geistig Behinderte in Offenbach ein, die ebenfalls von der Behindertenhilfe in Stadt und Kreis betreut wird und die die meisten Musiker stellt. Zwei von ihnen sind allerdings in Jügesheim daheim und trommeln mit ihren Kameraden derzeit auch im übertragenen Sinn: Das Team um Gruppenleiterin Simone Stodal-Kostka ist auf der Suche nach Verstärkung und wirbt um junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren wollen.

Mit solchen Helfern habe die Behindertenhilfe bislang gute Erfahrungen gemacht, so Stodal-Kostka. Die Arbeit in der Wohngruppe fordere wegen der Nähe zu den behinderten Menschen mehr als manch anderer FSJ-Job, bringe die Absolventen aber auch weiter. Einige hätten nach den intensiven Erfahrungen in der Gruppe sogar ihre Lebensplanung geändert und einen sozialen Beruf ergriffen, obwohl sie „so etwas vorher nie auf dem Schirm gehabt“ hätten.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Wie intensiv sie sich einbringen wollen, überlässt die Leiterin den jungen Helfern weitgehend selbst. Die Wohngruppe aus Menschen verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Handicaps funktioniere im Alltag zumeist in sich selbst: „Jeder bringt andere Fähigkeiten mit“, so Stodal-Kostka. „Wir ermutigen alle, möglichst viel selbstständig zu tun.“

So halten es Alexander Hagen und Anselm Schwab auch beim Trommeln. Das Repertoire von „All inclusive“ spiegelt die Vorlieben der Mitspieler: Manche Stücke klingen episch getragen, andere wie muntere Popsongs, Techno oder Rap. „Das Wichtigste hier ist, dass alle gleichberechtigt sind“, betont Schwab. Solistenruhm lässt sich trotzdem ernten – etwa wenn Alex beginnt, Synkopen zu schlagen, Jutta eine stramme Marscheinlage liefert oder Faris Luftgitarre spielt.

Gesehen haben die Show bislang vor allem Besucher bei Festen der Behindertenhilfe. Allerdings gab es auch schon Auftritte bei Pfarr- oder Vereinsfesten in Stadt und Kreis Offenbach, etwa jüngst bei „Kultur am Fluss“ in Hainburg und demnächst bei einem Sommerfest in Obertshausen. Die beiden Anleiter wünschen sich mehr Engagements dieser Art – „außerhalb des Komplexes Behindertenarbeit“, präzisiert Alexander Hagen: „Wir wollen in die Öffentlichkeit, ganz im Sinne von Inklusion“. (zrk)

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Quelle: op-online.de

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