TGS Jügesheim verjüngt ihre Fastnacht

Neuer „Till“ vor dem Wasserturm

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Barock trifft Blues Brothers: Im Schlaraffenland der TGS-Fastnacht ist nichts unmöglich.

Jügesheim - Frischer, jünger, frecher: Eine neue Generation erobert die Bühne bei den Karnevalisten der TGS Jügesheim. Rund 120 Aktive bestreiten das aktuelle Sitzungsprogramm. Die meisten von ihnen sind noch keine 30 Jahre alt.

Neue Akzente setzt auch die Guggemusik der Hochstädter Lärmbelustigung. Dennoch stehen die TGS-Karnevalisten zur Tradition: Erstmals nach 18 Jahren tollt wieder ein „Till“ über die Bühne. Ein Schlaraffenland verspricht die TGS in ihrem aktuellen Sitzungsprogramm. Darin geht es um Feinschmecker, Völlerei und Traumurlaub, um süße Bonbons und die barocke Traumhochzeit am Hof Ludwigs XVI. Den Kontrapunkt bilden kritische Einwürfe zu Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger und Krieg: Ein inhaltlicher Spagat, den die Narren locker aushalten.

Spott, Ironie und tiefere Bedeutung sind bei den Turngesellen seit vielen Jahren zuhause. Sönke Herzog steht erst zum zweiten Mal in der Bütt, doch die Zuschauer begrüßen ihn schon wie einen guten Bekannten. Mit feinem Wortwitz und einer Prise Sarkasmus trägt er „die letzten Meldungen“ vor. Ein spitzbübisches Lächeln begleitet manche Pointe, etwa wenn die Kanzlerin einige Tage lang vom Bett regieren muss: „Berlusconi hat das in Italien 20 Jahre lang getan.“ Groko, Snowden, Hauptstadtflughafen. Im aktuellen Themenmix darf auch der Limburger Bischof nicht fehlen. Herzog nennt ihn „Elster“.

Keine Gnade mit Bischof Protz

Der Kirchenmann bezieht später nochmals Prügel von den Kehlewetzern des AGV Sängerkranz. Sie kennen keine Gnade mit Bischof Protz. Zu Rio Reisers „König von Deutschland“ singt Marcel Rupp: „Ich bin Tebartz der Erste, Gott ist der Zweite.“ Seit ihrem ersten Auftritt auf der TGS-Bühne sind die Kehlewetzer ein tragender Bestandteil des Programms. Ihr Markenzeichen sind komödiantisches Talent und wohlklingender Gesang zu Livemusik. Das neu formierte Vereinsorchester „Zweiklang Rodgau“ (TGS, TSV) unter Leitung von Dieter Duzak begleitet die Sänger perfekt. Auch die Giesemer Sing-Sang-Mädels (Sarah Nix, Nadine Dorschner, Stephanie Weimer) singen sich wieder in die Herzen des Publikums. Diesmal sind sie süße Bonbons, die dem Fastnachtszug entgegenfiebern.

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Zu den vielen jungen Akteuren zählen ebenso die Mitglieder der Gruppe „Mut zur Lücke“. Ihr Mentor und Texter Uli Smoydzin spielt diesmal einen alten Mann, der am Stock geht. Am deutlichsten wird der Generationenwechsel bei „En Haufe Leut“. Diese Gruppe war schon immer ein Sprungbrett für den Nachwuchs, aber noch nie so stark wie in diesem Jahr. Treue TGS-Fans vermissen so manches markante Gesicht. Einzig Katja Schweppe ist noch von der bewährten Besetzung dabei. Andere altbekannte Akteure konzentrieren sich in Zukunft stärker aufs Kabarett - sie gehen dem Publikum also nicht verloren.

Der „Ümit aus Haahause“

Als neuer „Till“ hält Stefan Schmidt dem Volk den Spiegel vor.

Bekannt und doch neu auf der Bühne ist Stefan Schmidt. Der „Ümit aus Haahause“ hat als „Till“ seine neue Rolle gefunden. Im blau-silbernen Kostüm (von Hannelore Gröpl geschneidert) hält er dem Volk den Narrenspiegel vors Gesicht. Dabei rollt er mit den Augen, schlägt Rad und schneidet Grimassen: eine Mimik so stark wie im Stummfilm. Die Ängste der Menschen sind sein Thema: Angst vor der Zuwanderung, vor dem Altwerden und davor, dass die Rente nicht reicht. Seine Botschaft: Die Menschen sollen das Glück wieder schätzen lernen.

Doch wie kann man glücklich sein, wenn existenzielle Sorgen drücken? Drei arbeitslose Bienen bringen die Kehrseite der Globalisierung auf den Punkt: Was können sie tun, wenn der Honig aus China billiger ist? Sind Castingshows oder Esoterik die einzige berufliche Perspektive? Der Bienenklau in Hainhausen und Dudenhofen darf im Vortrag von Katja Schweppe, Tanja Rossbach, Elena Smoydzin auch nicht fehlen.

Rabenschwarze Aussichten besingt Sven Stripling: Heuchelei und fehlende Moral, Überwachung überall. Und die Zukunft des Uni-Absolventen aus der Mittelschicht ist ein Matratzenlager unter der Autobahnbrücke: „Unter der Brücke muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Der Student setzte im vergangenen Jahr erstmals einen beißend kritischen Kontrapunkt zur Fastnachtsfröhlichkeit. Auch diesmal arbeitet er sich am organisierten Frohsinn ab. Was ist Fastnacht? „Heute Nacht möchte ich lachen, bis ich nicht mehr kann. Im Kostüm lacht man mich nicht mehr aus, nein, man lacht mich an.“

Weniger schmerzhaft sind die Kritik des Gugis Sebastian Mahr (Artenschutz nein, Straßenbau ja) und die Denkanstöße in der Rede des Prinzenpaars Patric II. und Carmen I. zu Themen wie Vereinsfusion, Einkaufszentrum Jügesheim und Grundsteuererhöhung. Unbeschwert lachen kann man in der Sultan-Show der Gugisheimer.

Optische Akzente setzen die Prinzengarde (Leitung: Alina Grimm, Susan Hebeisen, Jurema Schmidt), die artistische Jungmänner-Tanzgruppe „Taktlos“ (Hannelore Gröpl, Judith Mark, Jutta Podroschko) und zum Schluss die „Marionetten“ (Stefanie Gröpl, Christopher Sattler, Stephanie Weimer). Im Finaltanz trifft Barock auf die Blues Brothers (Matthias Ott, Stefan Grimm), die zu später Stunde singend durch Dick und Dünn gegangen sind. Frenetisch feiert das Publikum der Premierensitzung die Guggemusik der „Lärmer“ aus Hochstadt. Sie bietet „Lärmbelustigung“ vom Feinsten.

eh

Quelle: op-online.de

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