Ein teuflisches Vergnügen

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Rechenkünstler und Wirtschaftsprüfer Herbert Sahm.

Rodgau - Das TGS-Kabarettensemble „En Haufe Leut“ ist wie ein guter Wein. Je älter, desto besser. Von Bernhard Pelka

Die Jügesheimer Humor-Experten verwöhnten im 20. Jahr ihres Bestehens die Gäste in der ausverkauften Aula der Georg-Büchner-Schule (GBS) mit grellem Klamauk und gescheitem Witz, rustikalen Späßen und hintersinnigen Pointen, augenzwinkernden Fingerzeigen und beißend-ernster Kritik - vor allem aber mit klassischem, politischem Kabarett.

Die Bandbreite der Themen war groß: Fluglärm, Energiewende, Integration, Müllgebühren, Gleichberechtigung, Internetblase, Schindluder mit dem Urheberrecht - und die Piraten. Dabei blickten die Pointen-Profis weit über den lokalen Tellerrand hinaus. Etwa der jubelnd beklatschte Marcel Rupp. Zum Titel des Programms („De Deiwel will’s“) als Teufel passend kostümiert, glossierte er schnodderig-intelligent die große Politik und zeigte treffsicher auf, dass eben in jedem ein kleiner Teufel wohnt. Zum Beispiel im Ex-Bundespräsidenten Wulff, unserem „Prinz peinlich“. Oder in Angela Merkel. Die habe den Röttgen nicht bloß entlassen, sondern geradezu standrechtlich erschossen. Oder im „kleinen Sarkozy“. Selbst der habe bei der letzten Präsidentenwahl in Frankreich ja seinen Herausforderer Hollande gewählt. „Der hat mehr Wachstum versprochen.“

Sonderapplaus gab’s auch für Herbert Sahm, der die Rodgauer Müllgebührenkalkulation spitzbübisch-locker karikierte. Sahm verriet endlich das Geheimnis, wie es der Magistrat einst schaffte, sich die immense Müllgebührensteigerung schön zu rechnen und bei Kosten von 13 Euro pro Tonnenleerung bei vier Leerungen im Monat trotzdem bloß auf 16 Euro Gesamtkosten für den Bürger kam. Im Altpapier hatte Sahm dazu ein vertrauliches Papier des Magistrats mit haarsträubenden Rechenbeispielen gefunden: viermal drei ist zwölf, viermal eins ist vier; zwölf plus vier ist 16. Na also, stimmt doch!

„Mit den Dritten beißt man besser“

Die humoristische Klammer des Abends bildete Lothar Mark, Chef der Gruppe. Er stimmte die Gäste nicht nur aufs Programm ein und hielt kurz Rückschau auf 20 Jahre Kabarett aus dem Parlament, sondern moderierte, schob Kulissen und stellte seine Kollegen vor. Was hat sich im Kabarettensemble mit der Reife der Jahre verändert? Mark hatte darauf natürlich die passend-provokante Antwort. „Man will nicht mehr jedermann als Freund haben. Man sagt mehr. Mit den Dritten beißt man besser.“

Teuflisch gut drauf war Marcel Rupp.

Nachdenklich stimmte die Nummer von Peter Otto. Er berichtete von zwiespältigen Gefühlen bei seiner Pilgerreise ins gelobte (?) Land, von überzogenen Grenzkontrollen und der „Bombenstimmung dort.“ Kritisch beleuchtete Otto das Verhältnis Deutschland/Israel, das noch immer unter unserer Vergangenheit leidet. Um den Kampf der Esskulturen ging’s hingegen Harald Mahr. Fleischesser gegen Veganer - das konnte nicht gut gehen. Ein Licht auf (und das Licht im Saal aus) ging dem Publikum bei Sebastian Mahrs Anmerkungen zur Energiewende: Wenn wir alle Atomkraftwerke abschalten, dürfen wir nur noch ein Fünftel des bisherigen Stromkontingents verbrauchen.

Permiere des „Rodgau River Rap“

Eine Premiere erlebten die Zuhörer beim „Rodgau River Rap“. Heiko Sauer machte sich im Sprechgesang als „Inspektor“ des „Wasseramts Rodgau“ Gedanken um die Wasserqualität des Bachs - begleitet von Stefan Schmidt und Katja Schweppe. Schmidt glänzte später noch geistreich und frech als „halbgetürkter“ Hainhäuser: „De Vadder Türke, die Mamma deutsch.“

„Ego-Shooter“ Thomas Sturzenegger.

Auf die Piraten stimmte Katja Schweppe ein. Eine leere Worthülse nach der anderen aneinanderreihend erklärte sie, dass die Piraten eigentlich nichts zu sagen haben. „Aber deshalb mögen uns ja so viele. Wir haben kein Programm und keine Meinung.“ Wirklich hörenswert waren auch die Gedanken von Thomas Sturzenegger zum Schutz des Urheberrechts im virtuellen Zeitalter. Oder Tanja Rossbach als Karrierefrau mit Vorstandsjob. Bedeutungsschweres gab’s zum Schluss. Franziska Langer besang die Finanzkrise und fand zu einem düsteren Fazit: „Es ging Euch viel zu gut.“

Wer das alles verpasst hat, muss sich nicht ärgern. „En Haufe Leut“ machen am Samstag, 9. Juni, 20 Uhr, in der GBS-Aula weiter. De Deiwel will’s halt so.

Quelle: op-online.de

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