Dokumentarisches Theater zur NSU-Mordserie

Kampf um die Wahrheit

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Vier Schauspieler stehen für Angehörige der Mordopfer: Als dokumentarisches Theater leben die „NSU-Monologe“ von der unmittelbaren Kraft der Worte.

Nieder-Roden -  Die Morde der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) sind auch sechs Jahre nach Beginn des Gerichtsverfahrens noch nicht völlig aufgeklärt. Ein ungewöhnliches Theaterstück gibt den Angehörigen der Opfer eine Stimme.

Die „NSU-Monologe“ waren am Samstag im Bürgerhaus Nieder-Roden zu sehen. Die Produktion der Bühne für Menschenrechte (Berlin) basiert auf Interviews mit drei Angehörigen von NSU-Opfern. Die Texte wurden gekürzt und neu angeordnet, aber ansonsten wortgetreu übernommen.
Ohne Spielhandlung und ohne Bühnenbild leben die „NSU-Monologe“ allein von der Kraft der Worte. Sie liefern Einblicke in den Kampf um Wahrheit, den die Angehörigen der Mordopfer seit vielen Jahren führen.

Enver Simsek aus Schlüchtern wurde am 9. September 2000 an seinem mobilen Blumenstand erschossen. Seine Witwe Adile Simsek ist eine der Angehörigen, die im Theaterstück zu Wort kommen. „Ich war bei dem Interview dabei, es ist 1:1 wiedergegeben“, sagt Rechtsanwältin Seda Basay-Yıldız (Frankfurt). Die Fachanwältin für Strafrecht vertritt Adile Simsek als Nebenklägerin im NSU-Prozess. Oft beteiligt sie sich an Gesprächsrunden nach den Theateraufführungen, so auch in Nieder-Roden: „Die NSU-Monologe sind ein Herzprojekt von mir. Deswegen unterstütze ich es. Ich nehme kein Geld dafür. Das ist meine eigene Zeit.“

„2001 habe ich der Polizei gesagt: Ermittelt gegen Nazis“, sagt Adile Simsek. Stattdessen suchten die Beamten die Schuldigen im Umfeld des Opfers – ein Muster, das sich nach weiteren Morden wiederholte. Erst Ende 2011 wurde aufgedeckt, dass Nazi-Terroristen hinter den Morden steckten.

Die Angehörigen der Opfer mussten nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen verkraften, sondern auch die falschen Verdächtigungen und deren Folgen. Eine Witwe: „Es gab Tage, an denen wir an uns selbst verzweifelten. Wenn alle einen für schuldig halten, dann fängt man irgendwann an, sich wie ein Schuldiger zu benehmen.“

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Wie aktuell das Theaterstück ist, zeigt die Aussage von Ismail Yozgat, dessen Sohn Halit 2006 in Kassel erschossen wurde: „Seit 2000 wurden Menschen getötet, weil sie Ausländer sind. Das Getane ist unzureichend. Der Ausländerhass wütet weiterhin unter uns.“

Dass die „NSU-Monologe“ in Rodgau zu sehen waren, ist dem Verein für multinationale Verständigung (Munavero) und dem Bündnis „Bunt statt braun“ zu verdanken. Mit der Resonanz ist Munavero-Vorsitzender Dr. Rudolf Ostermann „sehr zufrieden“. (eh)

Quelle: op-online.de

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