Katholische Kita St. Rochus

Kirche will Kindergarten abgeben

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Die unscheinbarste Kindergartenfassade in der ganzen Stadt: Nur ein paar Kartonfiguren an den Fenstern deuten darauf hin, dass hier Kinder spielen und lernen. Ein Türschild der Kita St. Rochus sucht man in der Martin-Bihn-Straße 13 vergebens. Ein Foto auf dem Freigelände oder in der Kindertagesstätte erlaubte die Pfarrei unserer Zeitung nicht. Sie begründete das mit Bedenken wegen des Datenschutzes.

Hainhausen - Die Stadt übernimmt voraussichtlich am 1. August den katholischen Kindergarten St. Rochus. Darüber entscheiden die Stadtverordneten am 18. Juni in ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause. Eine Entscheidung der Kirche steht noch aus. Von Ekkehard Wolf 

Es ist der erste derartige Fall in Rodgau. Im katholischen Bistum Mainz ist es sehr selten, dass ein Kindergarten den Träger wechselt. Die Kita St. Rochus ist eine kleine Einrichtung mit 50 Kindern und fünf Erzieherinnen. „Biblische Erzählungen und das Erleben religiöser Feste sind zentraler Bestandteil unserer Pädagogik“, heißt es auf der Internetseiten der Einrichtung.

Der Wunsch zur Übernahme der Kita sei von der Pfarrgemeinde und von der Fachaufsicht des Kreisjugendamts ausgegangen, berichtet Erster Stadtrat Michael Schüßler. Der Hintergrund sei „die Problematik bei der Personalakquise und in der Personalführung“.

Für kleine Träger werde es zunehmend schwieriger, eine Kindertagesstätte zu betreiben. Aufgaben wie die Gewinnung neuer Fachkräfte und die Organisation des Kita-Betriebs stellten für kirchliche und freie Träger eine Herausforderung dar.

Die Stadt habe immer Wert auf ein möglichst vielfältiges Angebot aus städtischen, kirchlichen und freien Einrichtungen gelegt, betont Schüßler. Aber: „Wenn ein Träger auf uns zukommt, übernehmen wir die Verantwortung.“ Schließlich sei die Kommune dafür verantwortlich, genügend Betreuungsplätze bereitzustellen.

Tobias Blum von der bischöflichen Pressestelle in Mainz bestätigt Gespräche mit der Stadt über einen Trägerwechsel: „Bislang liegt noch keine Entscheidung in dieser Frage vor.“

Solche Vorgänge sind im Bistum Mainz selten: „In den vergangenen zehn Jahren wurde eine Einrichtung von einem anderen Träger übernommen, drei Einrichtungen an andere, teils andere kirchliche Träger abgegeben“, so Blum. Die meisten der rund 210 katholischen Kindertagesstätten im Bistum würden von den Pfarrgemeinden getragen, einzelne auch von Verbänden wie dem Sozialdienst katholischer Frauen und der Caritas.

Was hat die Pfarrgemeinde St. Rochus dazu bewogen, sich von ihrem Kindergarten zu trennen? Auf diese Frage reagiert die Kirche zugeknöpft. Weder Pfarrer Ulrich Engel noch Verwaltungsratsvorsitzender Thomas Rieder waren für unsere Zeitung zu erreichen. Pfarrer Engel ließ nach einem Tag mitteilen, das Bischöfliche Ordinariat in Mainz habe sich Auskünfte an die Presse vorbehalten. Auf die Frage nach dem Warum antwortet Pressesprecher Tobias Blum mit einem dürren Satz: „Dafür gibt es interne Gründe, die wir öffentlich nicht diskutieren können.“

Fühlt sich die Pfarrgemeinde vielleicht durch organisatorische Aufgaben überfordert? Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Ein Angebot zur Entlastung haben die Hainhäuser jedenfalls bisher nicht angenommen. Seit September 2016 beschäftigt das katholische Dekanat Rodgau eine hauptamtliche Geschäftsträgerin. Bei Bedarf übernimmt sie Aufgaben wie Personalwesen, Finanzen, Qualitätsmanagement, Elternarbeit oder Öffentlichkeitsarbeit – wenn die Kirchengemeinden das wollen. Die Teilnahme an diesem Pilotprojekt sei freiwillig, berichtet Tobias Blum aus Mainz: „Die Pfarrei St. Rochus hatte sich seinerzeit entschieden, an dem Projekt nicht teilzunehmen.“

Klagen auf den Kita-Platz - aber wie?

Erster Stadtrat Michael Schüßler berichtet von „konstruktiven Gesprächen“ mit der Kirchengemeinde und dem Bischöflichen Ordinariat. Wie weit diese Gespräche bereits gediehen sind, wissen nicht einmal die Mitarbeiterinnen der Kita St. Rochus. Die Stadtverordnetenversammlung entscheidet voraussichtlich am Montag, 18. Juni, über die Übernahme der Kindertagesstätte zum 1. August. Der Vertrag wird derzeit ausgehandelt. Er kann erst in Kraft treten, wenn der Verwaltungsrat von St. Rochus zugestimmt und die kirchliche Aufsichtsbehörde ihre Genehmigung erteilt hat.

Das pädagogische Profil der Einrichtung werde sich durch die Übernahme nicht ändern, sagt Sozialdezernent Michael Schüßler auf Anfrage unserer Zeitung. Die Stadt wolle das bisherige Personal weiterbeschäftigen. Sie respektiere den Elternwunsch einer „werteorientierten Erziehung“. Er gehe davon aus, so Schüßler, dass auch religiöse Feste in bewährter Weise gefeiert würden. Er betonte, „dass wir partnerschaftlich mit den Eltern umgehen wollen, die ihre Kinder einer katholisch geprägten Einrichtung anvertraut haben“. (eh)

Quelle: op-online.de

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