Kein Kleiderladen wie jeder andere

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Voller Elan ist das ehrenamtliche Team des DRK-Kleiderladens um Beate Bayer-Werner (Zweite von links). Sieben der zehn Frauen kamen am Samstag zur Eröffnungsfeier.

Nieder-Roden - (eh) Die Abgabe gebrauchter Kleidung an Bedürftige ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein paar Schritte vom Puiseauxplatz entfernt, in bester Geschäftslage von Nieder-Roden, hat das Rote Kreuz (DRK) am Samstag einen Kleiderladen eröffnet.

Er ersetzt die bisherige Kleiderkammer im alten Rathaus, deren Räume nun von der Freien Musikschule Rodgau genutzt werden.

Auf 110 Quadratmetern in der Rodensteinstraße 1 werden die Kleidungsstücke nun in angenehmem Ambiente professionell präsentiert. Gleich am Eingang ist eine Kinderspielecke, in der hinteren Ecke des Ladens befindet sich eine Kabine zur Anprobe. Nur die Schaufensterpuppen fehlen noch.

Wenn man hierher kommt, sieht es so aus, als ob man einkaufen geht“, lobte Kreis-Sozialdezernent Carsten Müller zur Eröffnung. Dabei dürfe man aber nicht den gesellschaftspolitischen Aspekt vergessen: „Es ist bedrückend, dass wir solche Einrichtungen benötigen.“

Statt in der engen Kleiderkammer in Unmengen abgelegter Textilien zu wühlen, können die DRK-Kunden nun wie in einem Bekleidungsgeschäft auswählen. Der neue Kleiderladen will ihnen allein schon durch sein Erscheinungsbild persönliche Würde zurückgeben. Dennoch bleibt es überwiegend Second-Hand-Ware, die an den Bügeln hängt und in den Regalfächern liegt. Ein Schild weist darauf hin: Flecken auf dem Stoff oder auch mal ein fehlender Knopf sind kein Grund für Reklamationen.

In jedem Laden muss man bezahlen. Das gilt auch beim Roten Kreuz. Die Waren sind mit farbigen Punkten ausgezeichnet. Die Preise sind moderat: einen Euro für Kindersachen und T-Shirts, zwei Euro für Hosen und Jacken, fünf Euro für einen kompletten Anzug. Wer auch diese Beträge nicht aufbringen kann, bekommt als Hartz-IV-Kunde einen Einkaufsgutschein über 30 Euro. Der DRK-Kleiderladen ist eben doch kein Laden wie jeder andere.

Auch gespendete Kleidung ist bares Geld wert

Warum muss gespendete Gebrauchtkleidung überhaupt Geld kosten? Das hat mehrere Gründe. An erster Stelle stehen die Kunden: Einkaufen (auch mit Gutschein) ist etwas anderes als ein Almosen zu erhalten. Zweitens kommt Geld in die Kasse, das in Sozialprojekte fließen soll. Und schließlich will das Rote Kreuz einen Missbrauch verhindern: Einige Besucher hatten in der Vergangenheit säckeweise Kleidung mitgenommen und anschließend auf Flohmärkten verscherbelt. Wenn jedes Stück Geld kostet, lohnen sich solche krummen Touren nicht mehr.

Fakten

- Der DRK-Kleiderladen in der Rodensteinstraße 1 ist an fünf Tagen pro Woche geöffnet: Mo. 15-18 Uhr Di.9-12 und 15-18 Uhr Mi. 15-18 Uhr Do.9-12 und 15-18 Uhr Fr. 9-12 Uhr

- Kleiderspenden können nur während der Öffnungszeiten abgegeben werden.

Am Montag geht der Verkauf los“, kündigt Beate Bayer-Werner an, die mit einem Team an Ehrenamtlichen den Laden zum Laufen bringen will. Die zehn Frauen, die meisten sind neu dabei, haben sich viel vorgenommen: Der Kleiderladen ist zunächst an drei Vormittagen und vier Nachmittagen geöffnet, insgesamt 21 Stunden pro Woche. Obwohl es sich in erster Linie um einen Angebot für Bedürftige handelt, werden auch andere Second-Hand-Kunden nicht verschmäht.

Während der Öffnungszeiten ist auch Gelegenheit, Kleiderspenden abzugeben. Plastiksäcke vor der Tür sind unerwünscht: Die Erfahrung zeigt, dass anonyme Altkleider oft nur für den Reißwolf taugen. „Nur 15 bis 20 Prozent dessen, was im Container landet, ist für uns verwendbar“, sagt Patric Dietzel vom DRK-Kreisverband.
Für zwei Jahre übernimmt der Kreisverband die Miete für das Ladenlokal. Danach möchte der Rotkreuz-Ortsverein die laufenden Kosten durch Einnahmen aus dem Kleiderverkauf bestreiten.

Anlaufstelle für Menschen, die Unterstützung brauchen

Bis dahin soll sich der Kleiderladen in der Rodensteinstraße 1 zu einer Anlaufstelle für Menschen entwickeln, die im Alltag Unterstützung brauchen. Das Rote Kreuz will zum Beispiel all denen Rat geben, die den Gang zur Schuldnerberatung noch scheuen. Falls der Rat der Profis dann doch notwendig sein sollte, ist der Weg kurz: Das „Beratungszentrum Ost“ befindet sich gleich um die Ecke am Puiseauxplatz.

Die Entscheidung für ein Ladenlokal in zentraler Lage sei richtig gewesen, betonte Rodgaus Sozialdezernent Michael Schüßler. Er erinnerte aber auch an die Enttäuschung im DRK-Ortsvorstand angesichts der Kündigung der Räume im alten Rathaus. Die Stadt habe Wort gehalten und sich gemeinsam mit dem Roten Kreuz um eine gute Lösung bemüht. Auch über einen Zuschuss zu den Mietkosten könne man reden.

Bürgermeister Schwab betonte: „Auch in Rodgau gibt es Armut, auch wenn sie vielleicht nicht sichtbar ist. Ich befürchte, dass diese Einrichtung Erfolg haben wird.“

Bei der Finanzierung weht dem Roten Kreuz ein warmer Wind entgegen. Die „Glücksspirale“ bezahlt die professionelle Ladeneinrichtung (rund 8000 Euro), die Sparkasse Dieburg steuert 500 Euro Starthilfe bei. Stadt und Kreis stellen Zuschüsse in Aussicht.

Quelle: op-online.de

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