„Kein Monument des schlechten Gewissens“

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Dr. Zoya Fiedler wirkt daran mit, die Erinnerung an ihre Großeltern wach zu halten. Winno Sahm (links) trug während der Gedenkfeier am Montag vier Gedichte vor.

Dudenhofen (eh) ‐ Zwei „Stolpersteine“ auf dem Gehweg der Nieuwpoorter Straße hat der frühere Dudenhöfer Pfarrer Markus Nett am Montag angeregt.

In der Gedenkfeier am 61. Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht begründete er seinen Vorschlag damit, die Gedenktafel für Adolph und Amalie Reinhardt befinde sich auf Privatgelände und sei nur eingeschränkt zugänglich.

In Dudenhofen sei eine lebendige Tradition des Erinnerns entstanden, würdigte Markus Nett zehn Jahre nach der ersten Gedenkfeier an der Nieuwpoorter Straße 45. Die seinerzeit nach langen Diskussionen angebrachte Tafel sei „kein Monument des schlechten Gewissens, sondern der Erinnerung.“ Nett würdigte das ehrenamtliche Engagement von Adolph und Amalie Reinhardt in Arbeiter-Samariter-Bund, Feuerwehr und Arbeitersportverein: „Sie waren Menschen, die sich um das Wohl Dudenhofens verdient gemacht haben.“

STICHWORT

Mit der Aktion „Stolpersteine“ erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig an Opfer des Nationalsozialismus. Die mit einer Messingtafel versehenen Steine verlegt er am letzten frei gewählten Wohnort. „Stolpersteine“ liegen in über 480 Orten Deutschlands, unter anderem in Dietzenbach und Dreieich.

Dennoch wurden diese geachteten Mitbürger unter dem Einfluss der Nazi-Ideologie zunehmend ausgegrenzt, bis sich die Feindseligkeit in Gewalt entlud: Einwohner des Orts verwüsteten das Haus und jagten die Familie fort. Die nächsten Jahre lebten die Reinhardts in Frankfurt, dann wurden sie 1941 nach Lodz deportiert. Unter welchen Umständen sie dort ums Leben kamen, ist nicht bekannt.
Über die Notwendigkeit des Gedenkens sprach Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann. Auch das Beispiel der Familie Reinhardt zeige, dass die Pogromnacht vom 9. November 1938 ein Signal zum ungehemmten Massenmord an der jüdischen Bevölkerung war.

Ein Mensch ist erst dann tot, wenn die Erinnerung an ihn gestorben ist“, sagte Reinhardt-Enkelin Dr. Zoya Fiedler. Nach Jahrzehnten des Schweigens gebe es in Dudenhofen nun ein aktives Erinnern an die ermordeten jüdischen Mitbürger. Die Historikerin würdigte die Freiherr-vom-Stein-Schule, die das Unrecht im Nazideutschland am Beispiel der Familie Reinhardt ihren Schülern vermittelt. Als Zeichen der Hoffnung zitierte sie die Äußerung eines Drittklässlers: „Hätten doch damals alle Deutschen gelbe Sterne an ihre Kleidung genäht, dann hätte keiner gewusst, wer wirklich Jude ist.“

Quelle: op-online.de

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