„Ohne uns läuft nichts“

Kerbverbrennung in Weiskirchen

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Kerbtaufe mit Weiskircher Bachwasser: Helmut Trageser schlüpfte am Dienstag in die Rolle des Kerbvaters.

Weiskirchen - Zum Schluss war’s doch noch ein schönes Fest. Beim Kerbausklang am Dienstagabend floss das Dunkelbier in Strömen. Hunderte feierten vor dem Heimatmuseum.

Rechtzeitig vor dem Beginn des Ausschanks um 18 Uhr hatte das Unwetter aufgehört. Helfer des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) hatten nach den Sturmböen ihr Festzelt wieder aufgebaut. Der Kerbborsch, die Symbolfigur der Kerb, trug einen neuen Hut auf dem Kopf. „Den alten hat der Sturm nach Hainhausen getragen“, verkündete Helmut Trageser. Der HGV-Vorsitzende war für den ehrenamtlichen Stadtrat Hermann Jäger in die Rolle des Kerbvaters geschlüpft.

„Die Zeitung schreibt, wir wär‘n beschaulich, dabei geht‘s und Weiskirchern grauslich“, reimte Trageser in seiner Kerbrede. Neben dem traditionellen Rückblick auf das Festwochenende schlug er kritische Töne an. Der Stadtteil werde vernachlässigt: Die Schillerstraße kaputt, die Bücherei geschlossen, und jetzt werde auch noch das letzte Stück der Rodgau-Ringstraße nicht gebaut. Für das Bürgerhaus müsse man nun Miete bezahlen und auf dem Friedhof seien die „Grundstückspreise“ fast unerschwinglich. Nach fast 800 Jahren müsse Weiskirchen um den Verlust seiner Identität fürchten. Die Feuerwehr habe es vorgemacht: „Selbst unser Name soll fort – wir sind dann nur noch Rodgau-Nord.“

„Ohne uns läuft nix“, betonte Helmut Trageser. Rodgau brauche nicht nur ein Zentrum, sondern jeden einzelnen Stadtteil. Falls Weiskirchen weiterhin übergangen werde, trete vielleicht bald eine Entwicklung wie in Nieder-Roden ein: „Und dann bezahlen alle.“ Weiskircher Selbstbewusstsein bewies die traditionelle Kerblitanei. Bei der Frage, was „ebbes für uns“ sei, waren sich die meisten Besucher einig: Essen, Trinken und schöne Mädchen. „Nix für uns!“ rief die Menge bei allem, was Arbeit macht, und bei allen Menschen jenseits der Ortsgrenzen. Hainhäuser oder Froschhäuser? „Nix für uns!“ Nur bei den hassgeliebten Dudenhöfern waren die Rufe noch lauter.

Kerb in Weiskirchen

Kerb in Weiskirchen

Willkommene Abkühlung boten die Wasserspritzer mit der Klobürste. Der Kerbvater machte davon reichlich Gebrauch: „Weiskircher Bachwasser.“ Zu Gesängen wie „Jesses na“ und „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ geschah schließlich gegen 23 Uhr, was kommen musste. Nach dem Kommando „Feuer frei“ senkten sich die Fackeln über den Kerbborsch und der Strohmann ging in Flammen auf. Ein Zuschauer meinte mitfühlend: „Der arme Kerl.“

eh

Quelle: op-online.de

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