Kinder machen Radio: Projekt in der Schule am Bürgerhaus

Zwei Schulstunden für acht Minuten Hörspiel

+
Bewegen bringt Regen: „Regenmacher“ aus Kaktusrohr, Ratschgurke, Handtrommeln und andere Geräuschwerkzeuge geben dem Hörspiel Atmosphäre.

Nieder-Roden - Radio machen ist kein Kinderspiel. Das erlebten Drittklässler der Schule am Bürgerhaus in einem Radioprojekt der Stiftung Zuhören. Von Ekkehard Wolf

Die Acht- und Neunjährigen zeigten eine reife Leistung: In nur zwei Tagen produzierten sie ein einstündiges Programm mit Nachrichten und Interview, Hörspiel und Geräusche-Quiz, Umfragen und Werbung. „Die Ohren schlafen nie“, erklärt Juliane Spatz vom Hessischen Rundfunk. Mit ihrer Kollegin Maria Bonifer ist sie für die Stiftung Zuhören unterwegs. Die Ohren, sagt sie, hätten mal eine Massage verdient. Also: Ohrläppchen leicht kneten, die Ohrmuschel auf und ab streichen, die Ohrfalte dehnen, mit den Fingerspitzen sachte im Ameisengang über die Ohren krabbeln und zum Schluss die Ohrmuschel kräftig nach oben ziehen. Na, ist das Gehör wach?

Zuhören kann man lernen. In einer Welt voller visueller Reize ist bewusstes Zuhören selten geworden. Nur Sprache gilt als wichtig. Alles Übrige, was die Ohren aufnehmen, wird oft nur als Hintergrund wahrgenommen: die Musikfarbe im Radio, der Klangteppich beim Einkaufen, der Straßenverkehr und die vielen anderen Geräusche in unserer lauten Welt.

Hörspiele sind Kino im Kopf. Aber wer hat schon mal gemeinsam mit anderen ein Hörspiel gehört? Dieses seltene Vergnügen konnten Eltern und Geschwister der Nieder-Röder Radiokinder jetzt erleben. „Die 22 Nachtschattenpiraten und das Seeungeheuer“ heißt der Titel des abenteuerlichen Hörstücks. Da werden Säbel geschliffen und Piratenlieder gegrölt. Man hört hohe Wellen, krachende Kanonen, Schritte im Sand und den ächzenden Deckel einer Schatztruhe voller Gold und Diamanten. Und zur Erheiterung der Zuhörer krächzt der Papagei des Piratenkapitäns: „Schatz in Sicht!“

In den acht Minuten Hörspiel stecken zwei Schulstunden Aufnahmezeit. Nicht jeder Dialog klappt beim ersten Mal. Dazu kommen die Geräusche – alle von den Kindern selbst gemacht. Maria Bonifer lobt den Arbeitseifer der Drittklässler: „Sie hätten am liebsten auch die Regie selbst gemacht.“

Die Klänge ihrer Schule haben die Kinder in einer Klangreportage eingefangen: den Schulgong, das Stühlerücken zum Schulkreis, die Reißverschlüsse der Schulmäppchen, Füllerkappen und Bleistiftspitzer, krachende Möhren in der Frühstückspause, laufende Füße, Fahrradklingeln und natürlich auch die Klospülung. In der Bücherei hört man nur gelegentliches Blättern und Stille. Eine Lehrerin sagt: „Manchmal können sie ganz leise sein.“

Die Schüler der Klassen 3b und 3c können jetzt nicht nur bewusster zuhören, sondern sie haben auch etwas über die unterschiedlichen Darstellungsformen gelernt: Eine Nachricht formuliert man ganz anders als einen Hörspieltext, eine Reportage lebt vom O-Ton und ein Interview hat seine ganz eigenen Regeln.

Die Trinkbornschule Ober-Roden macht Radio: Bilder

Witzige Ideen konnten die Kinder in den (erfundenen) Nachrichten und in den Werbespots ausleben. Sie ließen die Polizei nach einem goldenen Gummibärchen fahnden und kündigten an, dass „im Süden Deutschlands Zahlen regnen“.

Ernsthaft und selbstbewusst arbeiteten die Drittklässler beim Interview mit Schulleiterin Ingrid Löw und bei zwei Straßenumfragen in Nieder-Roden. Wenn ihnen eine Antwort nicht ausreichte, fassten sie mit einer zweiten Frage nach. „Sie haben sich wirklich auf die Gespräche eingelassen“, lobt Juliane Spatz.

Dabei kamen unterhaltsame Beiträge heraus. Auf die Frage nach ihrem Lieblingssänger antwortet eine Frau: „Ed Sheeran, weil er mich an Pumuckl erinnert.“ Bei der Frage nach sportlicher Betätigung reicht die Bandbreite von der herzkranken Radfahrerin über den Profi-Fußballer („Es macht mir Spaß, aber ich habe mir auch schon viele Knochen gebrochen“) bis zum älteren Ehepaar: „Wir sind zu alt für Sport, wir sind schon über 80, aber wir pflegen noch unseren Garten.“

Für ihre Bühnenshow mit einem Mix aus Live-Elementen und vorproduzierten Beiträgen erhielten die Schüler viel Beifall von Eltern, Mitschülern und Geschwistern.

Nur ihre live gesprochene Wettervorhersage mit Wetterkarte wirkte fast wie im Fernsehen – die visuellen Gewohnheiten setzen sich eben immer wieder durch.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare