Zensur oder Korrektur?

Kinderbücher politisch korrekt?

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Rodgau - Üble Zensur oder oder überfällige Korrektur? Der Stuttgarter Thienemann-Verlag möchte aus Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ das Wort „Negerlein“ streichen. Von Bernhard Pelka

Was halten Buchhändler, Bibliothekare und Literaturfreunde davon, dass alte Kinderbücher sprachlich geglättet werden?.

Die städtische Büchereileiterin Nicole Köster hält die Diskussion um die Frage, wie politisch korrekt ein Kinderbuch sein muss, für „etwas überzogen“. Gleichwohl achtet sie beim Vorlesen darauf, Kinder mit Ausdrücken und Formulierungen aus älteren Büchern nicht zu überfrachten, die sie nicht verstehen können.

„Negerlein entspricht nicht mehr unserer heutigen Sprachverwendung. Ohne Vermittlung geht das nicht. Oder man lässt es eben einfach weg. Wenn man das aber konsequent durchhält und einfach Worte streicht, versteht irgendwann kein Mensch mehr die Klassiker.“ Dass sich Sprache im Lauf der Jahre verändere, sei zwar normal. „Aber auch alte Literatur sollte man noch verstehen können.“ Andererseits hat die studierte Germanistin Verständnis „für die Leute, die sich diskriminiert fühlen“.

Moderne Bücher sind gefragter

Der Alltag in der Bücherei entschärft nach Kösters Erfahrungen die Debatte freilich. „Die kleine Hexe ist bei uns nicht der Renner. Kinder, die sich etwas ausleihen, suchen sich moderne Bücher aus.“ Preußlers Klassiker aus den 50er Jahren sei insofern „eher Vorleseliteratur“. Und dabei solle man „Eltern und Lehrern ruhig zutrauen, dass sie die Inhalte entsprechend vermitteln und thematisieren können“.

Waldfried Theo Ruß, Pressesprecher des Internationalen Lesecafés Rodgau, hält vom Vorgehen des Thienemann-Verlags gar nichts. „Bisher galt unter Germanisten immer die Regel, dass originäre Bezeichnungen nicht der Political Correctness unterliegen. Auch das Kinderlied ,Zehn kleine Negerlein’, zum Beispiel, ist nun mal so geschrieben worden.“

Buchhändlerin Renate Chandler („Bücherwiese“ in Weiskirchen) hält die Reaktion des Verlags für „übertrieben“. „Das sind doch keine politischen Äußerungen und es geht auch nicht um die Personen.“ Sofern Kinder nachfragen, könne man das gleichwohl „im Einzelfall erläutern“. Der Sarotti-Mohr werde aber trotzdem „immer der Sarotti-Mohr bleiben“.

„Schade, alte Bücher abzuändern“

Wie bewerten Leute, die aus beruflichen Gründen viel vorlesen, die Debatte? „Man kann’s auch übertreiben“, sagt Erzieher Oliver Wohlgezogen vom Leitungs-Team der Kita 2. „Wir lesen so vor, wie es in den Büchern steht. Ich persönlich finde es auch schade, alte Bücher abzuändern. Kinder verstehen das doch auch nicht so, als könnte das etwas Beleidigendes sein, wenn die Eltern sie nicht vorher so geprägt haben.“

Büchereileiterin Nicole Köster traut den Erwachsenen zu, die Inhalte beim Vorlesen richtig zu vermitteln.

Sind Grimms Märchen sexistisch? Ist „Pippi Langstrumpf“ rassistisch? Die Diskussion ist alt. Schon 2009 wurde Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ überarbeitet. Seither ist Pippis Vater nicht mehr „Negerkönig“, sondern „Südseekönig“. In den Abenteuern des Salamanders „Lurchi“ (Esslinger Verlag) wurde aus einem „Negerlein“ ein „Schornsteinfegerlein“. Sind solche Änderungen notwendig? Die Frage flammt nun wieder auf, nachdem sich ein Vater darüber beklagt hatte, dass seine dunkelhäutige Tochter in Preußlers Klassiker „Die kleine Hexe“ einen solch beleidigenden Begriff lesen müsse. Konkret geht es um das Kapitel, das eine Fastnachtsfeier beschreibt. Geschildert wird, wie sich verkleidete Kinder vergnügt versammeln: Hexen, Schornsteinfeger, Räuberhauptmann, Indianer, „die Türken und Negerlein“. Preußler stimmte letztlich zu, dass diese Formulierung in der Neuauflage anlässlich seines 90. Geburtstag geändert werden dürfe.

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Quelle: op-online.de

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