Stadt widerspricht RTL II

Kindergarten Eulennest: „Nie von der Schließung bedroht“

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Bei den Dreharbeiten im Juni letzten Jahres stand auch Erzieherin Ellen Reichenbach vor der Kamera.  - Fotos: Wolf

Dudenhofen - Der Kindergarten „Eulennest“ am Ludwig-Erhard-Platz ist Schauplatz einer Doku-Soap im Fernsehen. Der Privatsender RTL II und dessen Serienheld Ross Antony sorgen vor der Ausstrahlung für Misstöne. Von Ekkehard Wolf

Vor einem Jahr haben Eltern, Erzieherinnen und Handwerker mit finanzieller Unterstützung von RTL II den Kindergarten renoviert. Die Videokamera war immer dabei. Das Ergebnis läuft am Dienstag, 18. Juni, um 20.15 Uhr über den Bildschirm.

Die zentrale Figur der Sendereihe ist Ross Antony (38), ein Brite, der seit 2008 in etlichen Fernsehformaten der RTL-Gruppe zu sehen war. Als „Kindergartenboss“ bringt er Kindergärten wieder auf Vordermann. Am Ende jubeln alle: „Danke, Ross!“

Angeblich „vor drohender Schließung“ gerettet

In der Programmvorschau trägt RTL II dick auf. Wenn man der Ankündigung des Senders Glauben schenkt, dann hat ihr Star den Dudenhöfer Kindergarten „vor der drohenden Schließung“ gerettet. Antony sei „den Hilferufen von Eltern und Erziehern“ gefolgt und habe „mit großem persönlichen Einsatz“ agiert.

Die Doku-Soap „Ross - der Kindergartenboss“ spielt am 18. Juni im Kindergarten am Ludwig-Erhard-Platz. RTL II und ihr Serienheld Ross Antony stellen den traditionsreichen Kindergarten in eine Reihe mit Einrichtungen, die von der Schließung bedroht sind.

Die reißerischen Aussagen des Privatsenders haben mit der Wirklichkeit wenig zu tun. „Unsere Kita war nie von der Schließung bedroht“, betont die städtische Pressesprecherin Sabine Fischer. In den Kindergärten gebe es „keine funktionellen Einschränkungen“. Die Kindertagesstätten in Rodgau seien baulich in Ordnung und personell gut aufgestellt: „Auch bei der Ausstattung herrscht kein Notstand.“ Die Stadt sei froh über engagierte Eltern und Fördervereine: Sie erfüllten Wünsche, die mit den normalen Haushaltsmitteln nicht realisierbar wären. Solche harmlose Normalität ist Gift für die Einschaltquote. „Fast die Hälfte aller Kitas in Deutschland ist dringend sanierungsbedürftig“, tönt RTL II in der Programmankündigung. In einem Interview mit der Illustrierten „Gala“ legt Ross Antony nach: „Ich war sehr schockiert von den Zuständen in einigen Kindergärten. Wir haben die schlimmsten Fälle ausgesucht.“

Doch mit Rücksicht auf die Fernsehwerbung dürfte am 18. Juni wohl die positive Grundstimmung überwiegen. Der „Kindergartenboss“ hat es wieder mal allen gezeigt, die Kinderaugen strahlen und alle sind froh. Was man mit ein paar tausend Euro und ein bisschen Farbe doch bewirken kann!

Inszenierte Wirklichkeit

Trotz ihres dokumentarischen Anstrichs bleibt die Sendereihe eine Seifenoper („Soap“), also eine Form von inszenierter Wirklichkeit. Etwa 40 solcher Doku-Soaps hat RTL II im Programm.

Solche Sendungen haben ihre eigenen Gesetze. Bei den Dreharbeiten vor einem Jahr wurden alle Beteiligten zu Stillschweigen verdonnert. 50.000 Euro Vertragsstrafe drohten. Die Kita-Leiterin durfte nicht begründen, warum 41 Kinder für eine Woche im Bürgerhaus statt im Kindergarten spielten. Sogar die städtische Pressesprecherin musste schweigen. Erst nach mehreren Telefonaten mit München und Köln erhielt unsere Zeitung die Erlaubnis, während der Renovierung zu fotografieren.

Ein Jahr später dürfen Fernsehzuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz nun 55 Minuten lang sehen, wie der Kindergarten „Eulennest“ in Dudenhofen von innen aussieht. Einige Kinder, die in der Sendung zu sehen sind, gehen längst in die Schule.

Einige Kinder gehen längst in die Schule

Wie viel Geld hat RTL II eigentlich in die Renovierung gesteckt? Auf diese Frage gibt es immer noch keine Antwort. Der Maulkorb wirkt auch nach einem Jahr.

Der Kindergarten „Eulennest“ hat dem Sender nicht nur eine optische Auffrischung zu verdanken. Eine Holzhalle im Freien wurde so umgebaut, dass die Kinder bei schlechtem Wetter darin Bobby-Car-Rennen fahren können. „Das hätten wir mit unseren Haushaltsmitteln nicht gekonnt“, gibt Stadt-Sprecherin Sabine Fischer zu. Das finanzielle Engagement des Senders ergänze die Bemühungen der Stadt und der Fördervereine.

Zu Ross Antonys „Gala“-Interview merkt sie an: „Wenn das die sechs schlechtesten Kitas in Deutschland waren, dann haben wir alle einen sehr hohen Standard.

Quelle: op-online.de

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