Kunst als Brücke in die Freiheit

Erstmals geht der Kulturförderpreis an eine Malerin: Sarina Dadkah

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Eintrag ins Goldene Buch: Außer ihrer Unterschrift hinterließ Sarina Dadkah noch die Parole: „Freiheit!“ Das imponierte Kulturdezernent Winno Sahm (links) und Bürgermeister Jürgen Hoffmann (Mitte). Ovales Foto: Laudatorin Melina Hermsen.

Draußen prasselte der Regen und drinnen im Saal brandete Applaus. Applaus für eine junge Frau, die es als großes Glück empfindet, ihre Malkunst in Rodgau frei ausdrücken zu können: Sarina Dadkah.

Rodgau – Bürgermeister Jürgen Hoffmann und Kulturdezernent Winno Sahm überreichten ihr im Nieder-Röder Bürgerhaus vor einem begeisterten und berührten Publikum den mit 2500 Euro dotierten Kulturförderpreis 2018 der Stadt.

Begeistert waren die Gäste von den ungewöhnlichen Bildern der 18-Jährigen und berührt von ihren nachdenklichen Dankesworten. Sie waren ein Plädoyer für Freiheit, Demokratie und Wahrung der Menschenrechte. „Ich komme aus einem diktatorischen Land, in dem die freie Meinungsäußerung den Tod bedeuten kann“, schilderte die Preisträgerin aus dem Iran ihre Vergangenheit. „Ich danke meinen Eltern, dass wir nach Deutschland gekommen sind.“

Ich bin überglücklich, mich hier frei ausdrücken zu können.

Kulturförderpreisträgerin Sarina Dadkah

Ähnliches formulierte Sarina Dadkahs Onkel in seinem Grußwort. Und er plauderte aus dem Nähkästchen. Mangels Papier habe Sarina zuhause eben die Wand in ihrem Zimmer voll gemalt – mit ausdrücklicher Billigung der Eltern, versteht sich. Die Stadt Rodgau habe „alles geschafft, was man sich von Integration vorstellt und wünscht“, dankte das Familienmitglied für die freundliche Aufnahme in der größten Stadt des Kreises Offenbach. Sich im Iran als Künstler zu verwirklichen, sei nicht gut möglich. „Schon gar nicht als Mädchen.“ Der „Kulturstadt Rodgau“ und der Bundesrepublik Deutschland gebühre großer Dank dafür, „hier in Freiheit leben zu können“.

Die Schülerin an der Georg-Kerschensteiner-Schule Obertshausen war mit der Familie vor dreieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen. In Rodgau besuchte sie zuletzt die Heinrich-Böll-Schule. Dort förderte eine Lehrerin, Melina Yureiko Hermsen, schon früh das große Talent. Die renommierte Papierkünstlerin hielt zur Preisverleihung denn auch die Laudatio. Aus ihrer von Gegensätzen und Widerständen geprägten Vergangenheit habe die junge Künstlerin einen „ganz eigenen Zugang zur Kunst entwickelt“. Sie verfüge bereits über eine eigene Handschrift. Das sei in diesem jugendlichen Alter außergewöhnlich. Die von ihr gemalten Figuren, die ausschließlich Augen haben, stünden für die Menschen, „die nur schauen, aber nichts sagen, nicht helfen, nichts tun und alles nur ertragen.“ Hermsen weiter: „Manche ihrer Kunstwerke sind vor allem für uns Europäer bedrückend, weil sie uns etwas vor Augen führen, was wir gerne verdrängen würden.“

Noch tiefer stieg Kulturdezernent Winno Sahm mit seiner Werkpräsentation in die diffizile Materie ein – was getrost als Glücksgriff und weiterer Glanzpunkt der äußerst niveauvollen Veranstaltung bezeichnet werden kann. In freier Rede sezierte Sahm quasi aus dem Stegreif Malstil, Techniken und Motivwahl der Preisträgerin. Sachlich fundiert und gewohnt eloquent lieferte der Kunstkenner zu den auf Großleinwand gezeigten Werken Deutungsmöglichkeiten – ohne Ausschließlichkeit überzustülpen. Sahm sprach davon, wie ausgezeichnet es Sarina Dadkah gelinge, mit schwarzen Finelinerstiften breite Schichten paralleler Strukturen auf das teils grob geschöpfte Papier zu zeichnen, aus denen sich dann „humanoide Formen“ hervorheben. Man könne darin „verpuppte Insekten, verhüllte Köpfe und Mumien erkennen“. Diese „Wimmelbilder der besten Art“ wechselten zwischen „Gespensteratmosphäre und ernsten Darstellungen“. Markant sei der Kontrast der Bildmittel: Mitten aus den Finelinerstrukturen erhebe sich ein in Pastellfarben gemaltes zartes menschliches Gesicht – was noch zusätzlich „Augenlust fördernd“ sei, schwärmte Sahm von der Qualität der Werke. Eindeutig spiegelten sie die „Zweikulturenerfahrung“ der jungen Frau.

Begrüßt hatte die Gäste zuvor Stadtverordnetenvorsteherin Anette Schweikart-Paul. Moderiert von Bürgermeister Jürgen Hoffmann, genoss das Publikum aber nicht nur die prämierte Kunst, sondern auch ausgezeichneten Jazz und Tanz. Die Rodgauer Preisträger von „Jugend jazzt“, „Count Spacey“ mit Jan Iser, Joshua Lutz, Niko Huber, Jan Portisch und Darius Blair griffen professionell in Saiten und Tasten. Und das Tanzensemble „Kereshme“ zeigte iranische Tänze.

"  Bilder von Sarina Dadkah sind bis 17. April als Flurkunst im Rathaus Jügesheim zu sehen.

VON BERNHARD PELKA

Quelle: op-online.de

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