Kunstwerke aus Stoff

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In der Schneiderwerkstatt von Jutta Woitalla und Tina Sahm geht‘s derzeit rund.

Nieder-Roden ‐ Die Nähmaschine rattert auf Hochtouren. Für die Schneiderin des Rodgauer Carneval-Clubs „Die Knallkepp“ ist jetzt Hochsaison. Jutta Woitalla hat nur acht Tage Zeit, die Kostüme für den Fastnachtszug zu nähen. Um 8 Uhr früh fängt sie an - und abends kann es durchaus mal 23 Uhr werden. Von Ekkehard Wolf

Ihr Schneideratelier befindet sich in einer ehemaligen Lederwarenfabrik an der Schulstraße, die ihrem Vater gehörte. Zur Blütezeit der Firma Reichenbach arbeiteten dort 42 Personen, wie Jutta Woitalla erzählt: „Wir hatten uns auf Schlangenleder spezialisiert. Das ist gut gelaufen, wir haben bis nach Hongkong geliefert.“ Doch das ist seit Jahrzehnten vorbei. Der Niedergang der Lederwarenindustrie machte auch vor der Schulstraße nicht Halt.

Noch bis Mitte der 90-er Jahre hat Jutta Woitalla mit ihrem Vater Handtaschen angefertigt. 2002 wurden die Werkstätten ausgeräumt. Jetzt befinden sich dort die Kostümschneiderei und der Fundus des RCC. So ein eigenes Reich hat einen unschätzbaren Vorteil: „Hier kann man mal etwas liegen lassen.“

Anfang des Jahres hat die Hobby-Schneiderin begonnen, die Kostüme für die Fastnachtssitzungen zu nähen. In den letzten Jahren war die gelernte Schneiderin Ellen von der Haar noch mit von der Partie. Seit sie aus Rodgau fortgezogen ist, steht Jutta Woitalla alleine in der Werkstatt. Gelegentlich leistet ihr Tina Sahm von den CC-Dancers oder eine andere Helferin Gesellschaft. Alleine die beiden Showtanzgruppen des Vereins brauchen 36 Kostüme - in jeder Kampagne neue. Als Vorlage dient oft ein Foto aus dem Internet oder aus einer Illustrierten. Fertige Schnittmuster dazu gibt es nie. Aus ihrer Sammlung von Schnitten sucht sich Jutta Woitalla einige Bögen heraus, aus denen sie dann die gewünschten Kleidungsstücke zusammensetzt.

Auf Qualität legt die RCC-Hofschneiderin großen Wert

Noch kurz vor den Fastnachtssitzungen am vergangenen Wochenende waren Änderungen nötig. Das ist jedes Mal so: Trotz Anprobe in der Schneiderwerkstatt zeigt sich erst bei der Generalprobe auf der Bühne, ob alles passt und sitzt. Manchmal kneift eine Naht oder der Stoff wirft unvorteilhafte Falten: „Das sind dann Dinge, die man erst in Bewegung sieht.“ Seit Montag geht's mit voller Kraft dem Fastnachtszug entgegen. Im Gegensatz zu den Fastnachtern der Sportvereine tragen die „Knallkepp“ beim Umzug nicht ihre Kostüme aus der Sitzung, sondern kleiden sich völlig neu ein. 40 bis 50 Aktive brauchen mottogerechte Kleidung. Manchmal reicht es, vorhandene Stücke umzumodeln - etwa letztes Jahr beim Thema „Müll“. Die Kombination aus Warnwesten und blauen Abfallsäcken schonte die Vereinskasse. Andere Kostüme sind aufwändiger und kosten bis zu 90 Euro pro Stück. „Kleopatra zum Beispiel war teuer“, erinnert sich Jutta Woitalla: „Da war der Stoff teuer und auch das Material, das man für die großen Kragen braucht.“

Auf Qualität legt die RCC-Hofschneiderin großen Wert: „Die Kostüme kann man nach Jahren noch anziehen. Bei uns sind die Nähte wirklich dicht.“ Mit Grausen denkt sie an minderwertige Fastnachtsfummel aus dem Kaufhaus, die sich bisweilen schon beim ersten Tragen in ihre Bestandteile auflösen. Ein Paradebeispiel für Haltbarkeit sind die Kleider der Bänkelsänger. Sie wurden 1996 genäht und sehen auch nach jahrelangem Gebrauch wie neu aus.

Nur einmal kam in der Kostümschneiderei wirklich Hektik auf, wie Jutta Woitalla berichtet. Da wollten die „Knallkepp“ Afrika und den König der Löwen im Umzug machen. Ein anderer Verein hatte dieselbe Idee. Also schwenkten die „Knallkepp“ kurzerhand auf „Gesundheitsreform“ um. Innerhalb einer Woche wurden neue Kostüme geschneidert. Die Afrika-Kleider hängen noch im Fundus. Irgendwann haben die Fastnachter sicher Verwendung dafür.

Quelle: op-online.de

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