Kabarett von „En Haufe Leut’“

Lachen über deutsche Gründlichkeit

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Beifallsstürme ernten Elena Smoydzin, Katja Schweppe und Tanja Rossbach (von links).

Jügesheim - Literarisches Kabarett nach Giesemer Art präsentieren „En Haufe Leut“ auch in ihrem 21. Programm: geistreich, witzig, frech und bisweilen ätzend.

Bei der Premiere am Samstag in der ausverkauften Aula der Georg-Büchner-Schule ernteten die 19 Mitwirkenden herzlichen Applaus. An dem Abend wurden auch gleich die Landtags- und Bundestagswahlen entschieden: Die „Sonntagsfrage“ ergab ein klares Votum gegen Schwarz-Gelb. Zwei Drittel der Deutschen sind in Umfragen nicht mit der Regierungsarbeit zufrieden, aber dennoch wollen zwei Drittel Angela Merkel als Bundeskanzlerin behalten. Was soll das? Politbeobachter Marcel Rupp hat nach eine einleuchtende Erklärung: „Ich kenn’ Sie doch: Sie wollen nur weiter über Frau Merkel lachen.“

Zu lachen gibt’s gleich am Anfang, wenn Peter Otto als Hausmeister die Checkliste für die Hallenmiete abarbeitet: Zehn Seiten in deutscher Gründlichkeit voll seltsamer Fragen. Die amtliche Wortschöpfung „losgewichen“ liefert Stoff für herrliche Sprachspielereien. Mit einem lokalen Thema hat auch Herbert Sahm die Lacher auf seiner Seite. Sein Vorschlag: Der Fernsehsender RTL II könnte in Dudenhofen nach der Doku-Soap im Kindergarten auch die Sanierung der Bürgerhaus-Gaststätte verfilmen. Schon der Vorspann ist ein Brüller: „Dudenhofen - ein Stadtteil leidet. Die Bürger müssen noch 60.000 Liter Bier trinken.“

Gesellschaftskritik pur

Lachsalven und Beifallsstürme ernten Elena Smoydzin, Katja Schweppe und Tanja Rossbach mit ihrem Gespräch über Karrierewünsche und Familienplanung einer jungen Akademikerin. Das ist Gesellschaftskritik pur: Mit bodenständigem Realismus entlarvt die Haushaltshilfe den Fortschrittsglauben als weltfremdes Hirngespinst. Ein Kabinettstück der Komik liefert auch Harald Mahr im Zwiegespräch mit seinem eigenen Gehirn. Ernste Kost serviert Michael Bajorat seinem Publikum. Er warnt vor der Macht der „Märkte“ und der Bedrohung der Demokratie. Statt eines politischen Gestaltungswillens regiere in Berlin die Beliebigkeit. Ob Atomkraft, Mieterschutz, Mindestlohn oder Homo-Ehe: Zu vielen Themen habe Bundeskanzlerin Merkel ihre Haltung in Wendehals-Manier um 180 Grad gedreht. Mit Weisheit und Verantwortung, wie sie schon der altgriechische Philosoph Platon in seiner „Politeia“ forderte, habe das nichts mehr zu tun. „Empört euch!“ ruft Bajorat das müde Wahlvolk auf.

Mit französischem Akzent: Heiko Sauer.

Noch kompromissloser klingt Sven Stripling. Er fasst die Wut in Noten: „Wollt ihr die totale Überwachung?“ Zu einer Melodie der Toten Hosen kritisiert er die Heuchelei der staatlichen Machtausübung - „und wenn ihr mir eure Daten nicht gebt, kauf’ ich sie bei Facebook“. Aus der Sicht eines jungen Franzosen beleuchtet Heiko Sauer die deutsch-französische Freundschaft. Trotz des charmanten Akzents kommt die Bundeskanzlerin schlecht weg: Angela Merkel sei weder eine engelsgleiche Angelique noch so weich wie Mergel. Gegen ihre kalte Art sei ein Kühlschrank ein ’eizkissen.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ singt Franziska Langer zur Beatles-Melodie „Hey Jude“. Auch hier lohnt es sich, genau zuzuhören: Hinter den zuckersüßen Klängen verbergen sich manche unbequeme Wahrheiten. Besucher der nächsten Vorstellungen dürfen sich auch auf weitere Beiträge freuen: Thomas Sturzenegger mit Tochter Christina zum Thema Bildungspolitik, Sebastian Mahr mit außerirdischen Beobachtungen und Stefan Schmidt als Ünal aus Hainhausen: „Erbarmen, die Griechen kommen.“

eh

Quelle: op-online.de

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