Erinnerung an die Gefangenen und Toten

Straflager in Rollwald: Der lange Weg zur Gedenkstätte

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Voller Symbolik ist die Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagerfriedhof. Betonsäulen mit stilisiertem Stacheldraht erinnern an die Umzäunung, kleine Blechschilder an die Kennzeichnung der Reihengräber. Blühende Narzissen werden im Frühjahr einige Grabstellen markieren.

Rollwald – Ein Stück deutscher Geschichte liegt in Rollwald vor der Haustür. Ein Gedenkstein an der Rhönstraße erinnert an ein großes Strafgefangenenlager, in dem von 1938 bis 1945 insgesamt 10.000 Männer inhaftiert waren.

Der Stein steht in einer Grünanlage, die in den letzten Monaten zu einer Gedenkstätte unter freiem Himmel umgestaltet wurde. Die historische Aufarbeitung und die heutige Form der Gedenkstätte sind vielen Menschen und Initiativen zu verdanken. Dr. Rudolf Ostermann vom Verein für multinationale Verständigung Rodgau (Munavero) zeichnet in diesem Beitrag die Entwicklung der letzten Jahrzehnte nach.

Eine geschichtliche Aufarbeitung der Vorkommnisse im Lager Rollwald fand in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende nicht statt. Auch später ging sie nur schleppend voran.

Erste Recherchen

Um 1980 begann zunächst die evangelische Jugend im Dekanat Rodgau (EJDR), zur Geschichte des Lagers zu recherchieren. Sie errichtete ein provisorisches Mahnmal aus Ziegelsteinen und brachte damit die Diskussion über das Lager und die Aufstellung eines offiziellen Gedenksteins in Gang.

Zwei sich kreuzende Wege mit gelblichem Belag erinnern an die gelben Kreuze auf den Hosen der Gefangenen. Die Texte auf den Informationstafeln sind dreisprachig.

Anfang 1981 beauftragte die Stadtverordnetenversammlung eine Arbeitsgruppe damit, die historischen Vorgänge zu untersuchen. Sie legte im gleichen Jahr einen Bericht vor. Die wesentliche Leistung der Recherche und Aufklärung innerhalb dieser Arbeitsgruppe ist Heinz Sierian zu verdanken, dessen Witwe noch heute in Rodgau lebt. Er baute Kontakte zu ehemaligen Häftlingen auf und verschaffte sich aus der Korrespondenz mit ihnen einen Eindruck über den Charakter des Lagers.

Ein Gedenkstein wurde Ende 1983 auf dem ehemaligen Lagerfriedhof aufgestellt. Eine längere politische Auseinandersetzung mit teils kontroversen Diskussionen war vorangegangen.

Die evangelische Dekanatsjugend wurde 1992 erneut in Sachen Lager Rollwald aktiv. Schüler der Heinrich-Böll-Schule erarbeiteten 1993 unter Leitung der EJDR in einer Projektwoche eine Ausstellung unter dem Titel „Lager-Rollwald – Momente der Erinnerung“, die im evangelischen Gemeindezentrum Nieder-Roden gezeigt wurde. Im selben Jahr gründete sich eine „Arbeitsgemeinschaft Rollwald“. Diese Gruppe organisierte fortan jedes Jahr eine Gedenkfeier.

Forschung

Der Gedenkstein steht erst seit 1983.

Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft gründeten Anfang 2000 den „Förderverein für die historische Aufarbeitung der Geschichte des Lagers Rollwald“ mit dem Ziel einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Dazu galt es auch Sponsorengelder zu sammeln. Den Vorsitz des Fördervereins übernahm der ehemalige Landrat Josef Lach. Der Verein beauftragte die Historikerin Dr. Heidi Fogel aus Neu-Isenburg. Im November 2004 stellte sie ihre Ergebnisse vor. Ihr Buch „Das Lager Rollwald, Strafvollzug und Zwangsarbeit 1938 bis 1945“ enthält auf 400 Seiten eine historische Einordnung mit einer Fülle an Details. Die verwendeten Bilder stammen fast ausnahmslos aus der Sammlung von Werner Stolzenburg. Einen großen Anteil an der Gestaltung des Buchs hatte Edgar Krausch, der 2016 starb.

Gedenken

Das Kreuz ist auch an den Eingängen zu sehen.

Der Förderverein löste sich im Dezember 2005 auf, nachdem die selbst gestellte Aufgabe erfüllt war. Seither hält der Verein für multinationale Verständigung Rodgau (Munavero) die Erinnerung wach. Die Arbeit ging reibungslos weiter, weil einige Mitglieder der ersten Arbeitsgemeinschaft Rollwald und des Fördervereins auch Gründungsmitglieder des Vereins Munavero sind. Sie brachten sowohl ihr Anliegen als auch ihre Erfahrung ein.

Als „AG Lager Rollwald“ kümmert sich heute eine Gruppe des Vereins unter anderem um die Organisation der jährlichen Gedenkfeiern, um Ausstellungen und weitere Veranstaltungen, die dazu dienen, die Erinnerung an das Lager Rollwald und die Verbrechen der NS-Zeit wachzuhalten. Dafür setzt sich insbesondere auch Munavero-Vorsitzender Dr. Rudolf Ostermann ein. Seit 2016 ist die Arbeitsgruppe auch Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Hessen.

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Informationen vor Ort

2010 erarbeiteten Werner Stolzenburg und Rudolf Ostermann eine Tafel mit kurz gefassten Informationen zur Lagergeschichte. Sie wurde als eine Station der Rodgauer Geschichtspfade an der Kindertagesstätte Rollwald platziert. Vier Jahre später stellte der Verein weitere Informationstafeln mit einer ausführlicheren Darstellung auf dem Gelände der Gedenkstätte auf. Die Texte sind in deutscher, englischer und französischer Sprache. Schüler der Claus-von-Stauffenberg-Schule fertigten die Übersetzungen an.

Die Stadt Rodgau übernimmt die gärtnerische Pflege des ehemaligen Lagerfriedhofs. In Beratung und Abstimmung mit der AG Lager Rollwald entwickelte die Stadt in den letzten Jahren Pläne zur Neugestaltung der Gedenkstätte. Landschaftsarchitekt Dirk Melzer (Köln) legte zwei Entwürfe vor. Der Gestaltungsplan mit dem Titel „Ein würdevoller Ort“ wurde im November 2017 vom Stadtparlament beschlossen, aber ohne die Beleuchtung, die ein Teil des Konzepts war. Fast genau ein Jahr später wurde die neu gestaltete Gedenkstätte der Bevölkerung übergeben. (eh)

Quelle: op-online.de

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