Großmärkte unterstützen Sozialprojekt „Tante Emma“

Lebensmittel für die gute Sache

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Klaus Wiederspahn (im Hintergrund) und Georg Peters können sich bei ihrer Tour auf Unterstützung verlassen. Bei Lidl und Rewe stellen Mitarbeiter die Ware zum Abtransport schon bereit.

Rodgau - Im Jügesheimer Sozialprojekt „Tante Emma“ versorgen 130 Ehrenamtliche pro Woche bis zu 1000 Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Wir haben ein Fahrerteam begleitet, das in Großmärkten Lebensmittel einsammelt, die dort zu viel sind. Von Bernhard Pelka 

Klaus Wiederspahn und Georg Peters fahren das erste Mal zusammen. Trotzdem gewinnt man den Eindruck, sie seien ein eingespieltes Team. Klar: Der gemeinsame Wunsch, sich ehrenamtlich zu engagieren, verbindet den pensionierten Lehrer und den IT-Fachmann und Systemanalytiker.

Erste Station ist bei Lidl in Hainhausen. Der Discounter unterstützt das Projekt schon seit dessen Gründung am 24. März 2010. Vorsichtig steuert Klaus Wiederspahn seinen Kleintransporter rückwärts an die Laderampe. Schließlich soll der Opel Vivaro keine Beule bekommen. Also verlässt sich Wiederspahn nicht nur auf Außenspiegel und Rückfahrkamera, sondern zählt beim langsamen Herantasten auch die Stützpfeiler ab, die die Außenwand des Lidl-Markts tragen. „Immer wenn ich an einer bestimmten Säule angekommen bin, weiß ich, dass ich dicht genug an der Rampe stehe.“

Motor abstellen, aussteigen und klingeln. Prompt öffnet sich die dunkelgraue Stahltür. „Guten Morgen.“ Lidl-Mitarbeiterin Nadine Mostamand begrüßt freundlich ihre ungewöhnlichen Kunden. Die freuen sich darüber, dass die Ware hinter dem Rolltor schon bereitsteht: Obst, Gemüse, Brot, Süßigkeiten, Spülmittel – ja sogar ein Eimer voller Tulpen.

Geübt packen Peters und Wiederspahn die Kartons um und werfen leere Behälter gleich in die Papierpresse. „Die schweren Kisten immer nach unten“, lautet dann beim Beladen ihres Opels die Devise. Es soll ja nichts zerdrückt werden. Die nächste Aufladestelle ist nur wenige Meter entfernt: die DM Drogerie. Auch dort müssen die Lebensmittelfahrer von „Tante Emma“ gewöhnlich an der Hintertür klingeln. Diesmal steht sie allerdings schon offen, weil gerade noch eben ein Anlieferer dort zu Gange war.

„Guten Morgen, Tante Emma. Habt ihr was für uns?“, fragt Wiederspahn höflich. Es dauert keine zwei Minuten, dann drückt ihm ein DM-Mitarbeiter eine Kiste in die Hand: Strümpfe, andere Textilien und Reste vom Weihnachtssortiment: Geschenkfaltschachteln. Häufig erhalten die Emma-Fahrer Ware, die nicht in die Jahreszeit passt. Aber das Team ist erfinderisch. „Neulich gab es Adventskalender mit kleinen Stückchen Schokolade drin. Da haben wir die Schokolade rausgeholt und einzel verpackt ausgegeben.“

Viele Unternehmen wie Lidl, Rewe, Selgros, Edeka, DM, Rossmann, die Bäckereinen Schäfer, Hoffmann und Bauder und Landwirte unterstützen „Tante Emma.“ Zehn Zentner Lebensmittel werden täglich über die Fahrermannschaft angeliefert. 30 Helfer stehen hier wöchentlich im Dienst.

Frisches Obst und Gemüse sind bei den Kunden von „Tante Emma“ begehrt. Peters und Wiederspahn nehmen, was sie kriegen können.

Nächster Halt ist der Rewe-Markt in Hainhausen. Ein Lkw versperrt die Zufahrt zur Rampe, fährt dann aber doch weiter. Wieder zurückstoßen und aufpassen, dass es keinen Blechschaden gibt. Bei Rewe kommen Wiederspahn und Peters dann nicht durch die Hintertür, sondern laufen schnurstracks in den Markt, nachdem sie hinter dem Gebäude ihren Wagen an der Rampe abgestellt haben. Im Laden quittieren sie der Mitarbeiterin Carmen Berker, dass die von Rewe abgegebene Ware die Kühlkette nicht durchbrochen hat. „Das ist wegen der Gewerbeaufsicht ganz wichtig“, klärt Carmen Berker auf.

Durchs Getränkelager, vorbei am Kühlraum, raus auf die Rampe. Auch dort stehen die Lebensmittel für „Tante Emma“ schon bereit: Joghurt, Butter, Margarine und Käse aus dem Kühlregal. Dazu Eier, Obst und Gemüse. Sogar schwarze Klappkartons aus Kunststoff hat die Rewe-Mannschaft hingestellt, damit die Emma-Leute es beim Umpacken leichter haben.

Der Transporter ist schnell vollgeladen. Dann geht es zum Ausladen zurück zum Ausgangspunkt der Tour, zum „Tante-Emma-Laden“ in die Jügesheimer Hintergasse. Dort wird die Ware täglich ab 8 Uhr im Schweinsgalopp sortiert, aufbereitet und für den Verkauf hergerichtet. 30 Freiwillige sind hierbei im Einsatz. Erreicht „Tante Emma“ eine Lieferschwemme, wird sofort das, was zu viel ist, auf andere Ausgabestellen verteilt. Zum Beispiel auf ähnliche Sozialprojekte in Dietzenbach, Dieburg und Babenhausen. Von dort wiederum kommt auch Ware nach Jügesheim. Und selbstverständlich steuern die Fahrer auch die Flüchtlingsunterkünfte in Weiskirchen mit ihren Lebensmitteltransportern an. Was nicht sofort weitergereicht wird, kommt ins neue Lager neben dem Laden.

Effektiv Müll vermeiden: So geht's

Bei dieser Logistik leistet das Büro-Team, das wöchentlich mit zehn bis zwölf Personen besetzt ist, Großes. Schließlich müssen sie die Verteilung koordinieren und schnelle Entscheidungen treffen. Dazu gehört auch, dass frisches Obst, das zu viel ist, verarbeitet und als Marmelade abgegeben wird. Das Büro überwacht auch die Bedürftigkeit der Kundschaft und registriert die Anzahl der Einkäufe.

In Büro und Laden findet überdies der Erstkontakt mit den Kunden statt. Und dort wird auch der Beitrag von zwei Euro für jeden Einkauf bezahlt. Dabei ist es gleich, ob viel oder wenig eingekauft wird. Jeder zahlt den gleichen Beitrag.

Warum man dies alles unterstützt?: „Ich kann net nix tun“, bringt Klaus Wiederspahn es auf den Punkt. Dann setzt er vorsichtig mit seinem Kleintransporter zurück, tastet sich in den Verkehr hinein und stellt ihn an der Ludwigstraße nahe der Sparkasse ab – bis der nächste Transport fällig wird.

Quelle: op-online.de

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