Der nachtaktive Vogel kämpft ums Überleben

Lebensraum für Ziegenmelker

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Der Jügesheimer Revierförster Bernhard Gerstner (links) und Marius Hüther von der Stadt sorgen sich um den Ziegenmelker. Deshalb werden alte Kiefernbestände tüchtig verjüngt.

Rodgau - Stadt und Hessen-Forst verschaffen dem Ziegenmelker im Jügesheimer Stadtwald neuen Lebensraum und sichern die bisherigen Brutgebiete.

Dazu werden in nächster Zeit auch zwischen Langschneise und Leinreiterschneise nahe der Kreisquerverbindung Richtung Dietzenbach Rodungsarbeiten im Vogelschutzgebiet „Sandkiefernwälder der östlichen Untermainebene“ zu beobachten sein.

Mit der Auflichtung von bis zu einen Hektar großen Flächen im Wald sichert der Landesbetrieb Hessen-Forst das Nachwachsen junger Kiefernbestände. Altes Unterholz wird dabei entfernt (wobei viel Altholz liegen bleibt). Danach wird die obere Schicht von Roh-Humus abgetragen und verwundet, damit die Kiefernsamen leichter Zugang finden zum weiter unten liegenden Mineralboden. Denn darauf keimen sie besonders gut. Ein erfreulicher und geplanter Nebeneffekt dabei ist, dass freie Gebiete entstehen, die dem Ziegenmelker als ideale Brut- und Jagdzonen dienen. Denn auf solche Flächen mit freier Sicht braucht er. Auch liebt er den im Rodgauer Wald verbreiteten Sandboden.

Beteiligt an sind das Regierungspräsidium Darmstadt (RP), die Untere Naturschutzbehörde in Dietzenbach, der Landesbetrieb Hessen-Forst und die Stadt Rodgau. Spaziergänger werden vielleicht meinen, dass hierbei Wald zerstört werde. Das Gegenteil aber ist der Fall. Der Ziegenmelker ist ein Bewohner gestörter Waldökosysteme. Das sind Wälder, die lückenhaft mit Bäumen besetzt sind und sich durchoffene Freiflächen auszeichnen. Dort kann die Sonne den Boden stärker erwärmen, deshalb konzentrieren sich hier viel mehr Insekten und Blütenpflanzen, als im schattig-kühlen Inneren des Waldes.

Solche hellen, warmen Flächen entstehen natürlicherweise durch Stürme, bei denen Bäume umfallen, aber auch durch Waldbrände. Früher entstanden diese Flächen auch durch flächige Kahlschläge der Forstwirtschaft, die aber heutzutage sehr selten sind, weil sich die Wirtschaftsweise im Wald verändert hat.

Die aktuelle Forstwirtschaft wird als Dauerwaldwirtschaft bezeichnet. Die Dauerwaldwirtschaft versucht Waldbestände möglichst störungsfrei und naturnah heranwachsen zu lassen. Alte Bäume bilden große Kronen und schützen damit die darunter wachsenden jüngeren Bäume. Werden dann die älteren Bäume geerntet, so sind die jüngeren Bäume schon alt genug, um die nächste Generation zu schützen. Bei dieser Wirtschaftsweise entstehen aber keine großen Lücken, die der Ziegenmelker benötigt. Sein Gefieder ist eine Mischung aus Braun-Grau und fügt sich gut in die Umgebung ein. Er brütet am Boden gerne in kargen, heideähnlichen Landschaften, Dünengebieten, Kahlschlägen oder Lichtungen der Kiefernwälder – und er kämpft ums Überleben.

Das Maßnahmengebiet liegt im Jügesheimer Wald zwischen der Grenzschneise und dem Heusenstammer Weg. Dort werden jeweils einen Hektar große Kiefernbestände stark ausgelichtet, verbliebenes Kronenholz geräumt und der oberste Bodenbereich abgeschoben. Einige alte sogenannte Samenbäume bleiben stehen. Aus ihren Samen wird dann ein lückenhafter Jungwald entstehen. Für circa zehn Jahre ist der Jungwald noch so beschaffen, dass die Sonne den Boden gut erwärmen kann und hier viele Insekten leben. Weiter werden benachbarte Kiefernbereiche ausgedünnt und lichter gemacht, in dem Fichten und Buchen herausgenommen werden.

Wie aus dem Garten ein Zuhause für Vögel wird

Zudem wird für den Ziegenmelker ein Jagdgebiet geschaffen, auf dem nur vereinzelt Bäume stehen bleiben. Im Jahresturnus muss die Fläche gemäht werden, um sie frei von Jungbäumen zu halten. Die Schwarzlachschneise verbindet die beschriebenen Flächen mit den anderen Maßnahmen, die weiter im Süden liegen. Die Breite der Schneise wird links und rechts um durchschnittlich acht Metern erweitert und damit zu einem weiteren länglichen Jagdbereich für den Ziegenmelker.

Die Maßnahmen dienen nicht nur dem Schutz des in Hessen seltenen Vogels, sondern helfen der Stadt Rodgau bei der Schaffung neuer Bauplätze. Der ökologische Gewinn, den eine Maßnahme mit sich bringt, wird von der Unteren Naturschutzbehörde in Dietzenbach mit einer Punktzahl bewertet. Diese Punktzahl wird auf einem Ökokonto verbucht. Diese Punkte stehen dann später zur Verfügung.

Weist die Stadt ein neues Baugebiet aus, wird die Umwidmung von Acker in Bauland mit einer Punktzahl bewertet. Hier entsteht ein ökologischer Verlust. Dieser kann durch die vorher auf dem Ökokonto verbuchten Punkte ausgeglichen werden. Aber auch ohne schweres Gerät können Rodgauer dem Ziegenmelker im Stadtwald helfen. Hundebesitzer können darauf achten, dass ihr Hund nicht abseits der Waldwege läuft, da der sehr scheue Ziegenmelker auf dem Waldboden brütet und somit schnell vertrieben wird. (bp)

Quelle: op-online.de

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