Märchen so packend wie Krimis

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Erzähler Christian Mayer-Glauninger ist ein gern gesehener Gast im Altenheim.

Dudenhofen - Die Senioren lauschen gebannt. Gerade erzählt Christian Mayer-Glauninger die aus der Türkei stammende Geschichte vom Töpfchen. Er sitzt in einem Ohrensessel, spricht deutlich und akzentuiert und schaut seine Zuhörer der Reihe nach an. Von Simone Weil

Durch die Betonung der Worte hält der Märchenerzähler die Spannung am Leben: Er macht das glänzend und deswegen sind die Geschichten, die er vorträgt, für sein Publikum so fesselnd und packend wie Krimis. Wer beim Märchenerzähler an einen alten Opa denkt, liegt bei dem Rodgauer völlig falsch: Der 43-Jährige hat mit seinen Tätowierungen und dem Schmuck, den er trägt, wenig Großväterliches an sich – auch wenn er in einem Ohrensessel sitzt. Am Schluss der Geschichte steht nach allerlei komplizierten Verwicklungen ein schöner, junger Prinz vor dem prächtig geschmückten Mädchen und sie wollen heiraten. Über den glücklichen Ausgang amüsieren sich die älteren Zuhörer, die im Gretel-Egner-Haus in Dudenhofen dreimal im Monat mit ähnlichen Geschichten unterhalten werden. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, kommentiert eine Frau.

Ein weiterer Gast hat sich eingefunden, um zuzuhören. Schnell wird ein Stuhl dazugestellt und einem Mann Platz für seinen Rollstuhl gemacht. Die alte Dame, die später dazukam, hört nicht mehr gut. „Sie müssten eigentlich auf meinen Schoß“, sagt der Erzähler zu ihr. Eine Frau steht auf und geht, denn die Konzentration lässt bei vielen Bewohnern früher nach, manche Senioren können aber auch nicht mehr so lange sitzen. Einige Zuhörer klatschen und bedanken sich. Auch eine Pflegerin hat Mayer-Glauninger mit großer Begeisterung zugehört und sich wieder mal über seinen Besuch gefreut: „Wie schön“, meint sie.

Etwa hundert Geschichten umfasst Mayer-Glauningers Repertoire, mit dem er regelmäßig das Rodgauer Altersheim besucht. So tief wurzeln manche dieser Erzählungen, dass auch Demenzkranke sich an vieles erinnern. Weil das Gedächtnis der älteren Herrschaften durch die Märchen angeregt wird, fällt ihnen manches Ereignis von früher wieder ein. Auch die Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, draußen auf dem Gang oder in den Leseecken am Besuch des Erzählers teilzunehmen, besucht Mayer-Glauninger, um ihnen Geschichten und damit ein wenig Abwechslung in ihr Zimmer zu bringen. Auch wenn die Inhalte vielleicht gar nicht bei ihnen ankommen, erzeugt seine angenehme Erzählerstimme möglicherweise positive Assoziationen.

Für den Erzähler selbst sind Märchen ein Stück Lebenshilfe oder eine Art Wegweiser. Er trägt zwei abgegriffene Bände mit sich, für den Fall, dass eine Geschichte gewünscht wird, die er nicht auswendig beherrscht. Wobei Mayer-Glauninger die Märchen nicht einstudiert. Vielmehr haben Zuhörer den Eindruck, dass er die Erzählung immer wieder neu entwickelt. „Der Zufall will immer, dass das passt, was mir gerade in die Hände gefallen ist“, sagt der gelernte Erzieher, der vor 15 Jahren anfing, sich professionell auf Märchen zu konzentrieren.

Deswegen absolvierte er eine Ausbildung als Märchenerzähler beim Zentrum Dornrosen, arbeitet heute selbst als Dozent. Er geht in Kindergärten und Schulen, hat dabei Märchen aus aller Welt und verschiedener Jahreszeiten im Gepäck. Er ist schon beim Katholikentag in Mannheim aufgetreten, in Restaurants begleitet er festliche Menüs, kommt zu runden Geburtstagen oder auch zum Vereinsfest. Und in Frankfurt erzählt Mayer-Glauninger regelmäßig erotische Märchen in einem Dessous-Geschäft.  Im Gretel-Egner-Haus an der Feldstraße 39 wird regelmäßig einmal monatlich eine größere Veranstaltung wie etwa ein Sommerfest organisiert. Sehr freuen würden sich die Bewohner, wenn es wieder einen Besuchshund geben würde. Insbesondere stark eingeschränkten Menschen tut der gut.

Quelle: op-online.de

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