„Manche sind total erleichtert, andere gepeinigt“

Schutz bieten: Zwei Mitarbeiterinnen über ihre Arbeit im Frauenhaus

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Sylke Borgsmüller (links) und Karin Hübner.

Rodgau -  Sie beraten Frauen, die einen Neuanfang wagen müssen: Die Sozialarbeiterin Sylke Borgsmüller und Pädagogin Karin Hübner arbeiten seit elf (Borgsmüller) beziehungsweise 22 Jahren im Frauenhaus Rodgau. Bei einem Besuch erzählen sie Volontärin Tamara Schempp von ihrer Arbeit.

In welchem Zustand, körperlich und psychisch, kommen die Frauen zu Ihnen?

Borgsmüller (B.): Manche sind total erleichtert. Die sagen: „Endlich Ruhe, mein eigenes Zimmer und keine Angst mehr!“ Andere sind gepeinigt.

Inwiefern?

Hübner (H.): Die Frauen sind traumatisiert und in einer absoluten Krise. In den meisten Fällen lassen sie alles zurück und wissen nicht, wie es finanziell weiter geht und was auf sie zukommt.

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Sieht man den Frauen die Misshandlungen an?

H.: Den meisten Frauen nicht. Bei manchen sieht man es an den blauen Flecken. 

Gab es mal einen besonders schlimmen Fall?

B.: Eine Frau hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit ihrem Passbild. Das Gesicht war total blau geschlagen und geschwollen, mit offenen Wunden.

Wie haben Sie sich bei ihrem Anblick gefühlt?

B.: Es war erschreckend. Vor allem, wenn man sich vorstellt, wie der Mann zugelangt haben muss.

Wie lange brauchen Frauen bis sie flüchten? 

B.: Manche kommen schon nach der ersten Ohrfeige. Und es gibt Frauen, die sind schon 20 Jahre lang dreimal die Woche geschlagen worden. 

Planen die Frauen ihre Flucht im Voraus?

H.: Es gibt Frauen, die schon Wochen vorher ihre Koffer gepackt haben. Die Mehrheit plant es nicht. Da kommt es zu einer eskalierenden Situation, und jemand reagiert von außen, sei es die Polizei oder Nachbarn.

Kommen die Frauen aus prekären familiären oder finanziellen Verhältnissen zu Ihnen? 

H.: Einige Frauen kennen Gewalt schon aus der Kindheit. Und finanziell privilegierte Frauen müssen nicht ins Frauenhaus gehen. Die können sich ein Hotelzimmer leisten. B.: Aber es kann jeder Frau passieren – egal, wie gebildet sie ist oder wo sie herkommt.

Was passiert, wenn es nachts oder am Wochenende an der Tür des Frauenhauses klingelt? Sind Sie rund um die Uhr im Dienst?

B.: Nein, dann nehmen die Bewohnerinnen neue Frauen auf. Sie kriegen vorher eine kurze Anweisung. Die Aufgenommenen müssen zwei kleine Zettel ausfüllen und uns unter der Bürotür durchschieben. Dann kriegen sie ihre Zimmer. 

Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sind die Frauen darauf vorbereitet?

B.: Die Frauen, die hier sind, haben das selbst durchgemacht und können die Neuen unterstützen. Wir stellen eine Notration bereit, mit Essen und Kleidern. Wenn es sehr dramatisch ist, haben die Bewohnerinnen eine Notrufnummer, unter der sie uns nach Feierabend erreichen können.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Was raten Sie den Frauen, die neu im Haus ankommen?

H.: Erst mal das Handy auszumachen, um zur Ruhe zu kommen.

Wann sind die Geflohenen auch bei Ihnen nicht sicher?

B.: Wenn klar ist: Sie wird hier weiter belästigt und bedroht. In einem solchen Fall vermitteln wir sie an andere Frauenhäuser, die weiter weg sind.

Wo fängt Gewalt an?

H.: Es sind nicht erst die tatsächlichen Schläge. Wenn ich nicht mehr aus der Wohnung raus oder keinen Deutschkurs besuchen darf – dann wird Gewalt angewendet. 

Wie reagieren Sie, wenn eine Frau zurück zu ihrem gewalttätigen Mann will?

H.: Das ist ihr gutes Recht. Auch dann lassen wir die Frauen nicht alleine und versorgen sie mit den notwendigen Angeboten, etwa Paarberatung bei häuslicher Gewalt. 

Was raten Sie Frauen im Allgemeinen zur Vorbeugung?

H.: Sich bewusst zu machen: Eine Frau ist wertvoll. Es gibt ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Wann sollte eine Frau auf ihr Bauchgefühl hören?

H.: Sie muss sich fragen: Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Oder gehorche ich nur noch und ordne mich unter?

Was können Männer tun, um Gewalt zu verhindern?

H.: Mehr Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Viele Männer sehen nicht, dass sie ein Problem haben und sagen, die Frauen seien schuld.

Quelle: op-online.de

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