Meineid für den Lebensgefährten

Streit um Testament gibt Einblick in einen Scheidungskrieg

Rodgau - Die Angeklagte aus Rodgau soll vor drei Jahren vor dem Amtsgericht in Seligenstadt einen Meineid geschworen haben. Ihr Lebensgefährte wurde bei dem Prozess wegen Urkundenunterdrückung verurteilt. Corpus Delicti: ein Testament. Von Stefan Mangold 

Die heute 65-Jährige hatte seine Aussage gestützt, es habe keines gegeben. Der Prozess vor dem Schöffengericht in Offenbach offenbarte jetzt einen tiefen Graben zwischen Vater und Sohn und endete mit einem Jahr Haft auf Bewährung.
Der Kern der Geschichte, die Richter Manfred Beck verhandelt, liegt im Geschehen vor fünf Jahren. Eine 92-jährige Frau stirbt und hinterlässt angeblich ein Testament. Das fehlt jedoch. Wie es verschwunden sein soll, erzählt die Gattin des Enkels der Verstorbenen.

Die 51-Jährige will kurzfristig vom Testament erfahren haben. Darin soll die 92-Jährige ihrer Schwiegertochter, der Schwiegermutter der Zeugin, ihr Wohnhaus zugesagt haben. Die Zeugin erzählt, wie sie ihrem Mann das Testament im Haus der Oma zeigte, als diese gerade im Krankenhaus lag. Wegen der Sütterlinschrift habe sie aber nur Stichpunkte wie „Haus“, „Friedhofspflege“ und den Namen der Begünstigten lesen können. Auf dem Kuvert steht „Testament für . . .“. Das liegt dem Gericht vor.

Die Zeugin berichtet, Stunden nach dem Tod der Oma habe sie ihrem Schwiegervater, dem Sohn der Erblasserin, das Kuvert in deren Haus gegeben. Der habe wütend das Testament zerknüllt und eingesteckt, im Beisein seiner Lebensgefährtin, der nun Angeklagten. Das Kuvert habe sie sichern können. Anschließend sei sie in ein Zimmer gegangen, um Bilder ihrer Kinder mitzunehmen. Die Angeklagte, die im Prozess schweigt, habe sie eingeschlossen. Letztlich sei es ihr damals 17-jähriger Sohn gewesen, der von nebenan kam und die Tür eintrat.

Das Amtsgericht in Seligenstadt hatte den heute 75-jährigen Sohn der Verstorbenen zu neun Monaten Bewährungshaft verurteilt, weil er das Testament unterschlagen habe, das seine Frau begünstigt. Der Hintergrund: Zwischen ihm und seiner Gattin läuft seit 14 Jahren ein Scheidungskrieg.

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Die Ehefrau war bei ihrer Schwiegermutter nie wohlgelitten gewesen, wie sämtliche Aussagen betonen. Verschiedene Zeugen berichten jedoch auch, dass sich die Verstorbene gerne von den Emotionen des Moments leiten ließ. Ihre Schwiegertochter erzählt, ihr nach Jahren zufällig begegnet zu sein, Wochen vor deren Tod. Eine versöhnliche Umarmung folgte. Später habe sie die Schwiegermutter besucht. Die habe von ihrem kurzfristig getroffenem Entscheid erzählt, ihr das Haus zu vererben.

Ihr Noch-Gatte bleibt bei seiner Version von einst: Das Kuvert sei leer gewesen. Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Die Geschichte habe zum Plan gehört, ihn für erbunwürdig erklären zu lassen. Das Verfahren, das seine beiden Kinder anstrengten, verlor der Mann vor dem Landgericht. Am Oberlandesgericht steht die Berufung noch aus. Der Verurteilte bezichtigt seinen Sohn, Polizei und Gerichte erfolgreich zu beeinflussen. Ziel: die komplette Erbschaft an sich zu reißen.

Verteidigerin Karina Netscher kennt die Akten genau und versucht besonders die erste Zeugin durch gezielte Fragen nach Details aufs Glatteis zu führen. Die lässt sich ebenso nicht wirklich aus der Fassung bringen wie später ihr Mann.

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Anwältin Netscher fordert Freispruch: „Es ist nicht erwiesen, dass es ein Testament gab.“ Die Staatsanwältin plädiert auf 16 Monate Haft auf Bewährung plus 1000 Euro Geldstrafe. Richter Beck und die beiden Schöffen verhängen zwölf Monate auf Bewährung plus 1 000 Euro zugunsten der Polizeistiftung.

Wie die Staatsanwältin hält auch Richter Beck die Hauptbelastungszeugin für glaubwürdig. Das unterstreiche etwa das Detail, „dass die Zeugin erwähnt, sie habe die alte Schriftform nur rudimentär lesen können“. In der kurzen Zeit nach dem Tod der Erblasserin wäre es außerdem kaum möglich gewesen, die Handschrift auf dem Kuvert zu fälschen und eine Intrige abzustimmen, die allen Polizeifragen widerspruchsfrei standhält. Die Angeklagte, die vom Geld des Verurteilten lebe, habe fürchten müssen, mit einer wahrheitsgemäßen Aussage vor dem Amtsgericht die Beziehung unfreiwillig zu beenden.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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