Moderne Nomaden mit Kamelen

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Nadja Vor geht mit ihrem Sohn Jakob fast täglich auf die Zirkuswiese. Der fast Zweijährige freut sich, die Kamele zu sehen.

Jügesheim ‐ Ein seltener Anblick auf einer Wiese an der Rodgau-Ringstraße: Eine kleine Kamelherde grast in Sichtweite des Sportzentrums. Die Tiere gehören zum Zirkus Renz, einem der rund 500 kleinen Zirkusunternehmen, die in Deutschland unterwegs sind. Von Ekkehard Wolf

„Renz“ war mal ein großer Name in der Artistenwelt, seit Ernst Jakob Renz 1842 in Berlin seinen berühmten Zirkus gründete. Vom einstigen Glanz dieses Namens zehren fünf kleine Unternehmen. Es sind meist Familienzirkusse wie der von Angela und Karlheinz Renz, der noch bis zum Sonntag in Jügesheim gastiert.

„Wir leben wie Nomaden“, erzählt Karlheinz Renz (44), der als 30-Jähriger den Zirkus seiner Eltern übernommen hat: „Wir ziehen mit unserem Zelt von Ort zu Ort, wir leben mit den Tieren und wir sterben für unsere Tiere.“

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Zirkus-Kamele grasen in Jügesheim

Acht Kamele sind der ganze Stolz des Unternehmens. Sie liegen auf der Wiese von Bauer Stefan Raab, zupfen das karge Wintergras und sind sofort auf den Beinen, wenn sich Menschen nähern. Das geschieht oft, nicht nur weil der Feldweg an der Rodgau-Ringstraße eine beliebte Joggingstrecke ist. Immer wieder kommen Eltern mit ihren Kindern auf den Platz, um die Wüstentiere anzuschauen. „Wir haben das Gelände nicht eingezäunt, wir verstecken unsere Tiere nicht“, sagt Karlheinz Renz: „Die Leute sollen sehen, dass die Tiere gesund sind.“

Der Große mit dem hellen Fell ist Hengst Kairo. „Mit acht Jahren ist er noch ein junger Hengst“, erzählt Renz, „in Gefangenschaft können diese Tiere 35 Jahre alt werden, wenn sie gut gehalten werden.“ Die Stuten Tanja (12) und Suleika (10) sind die Mütter von Skahira und Sarah, beide zweieinhalb Jahre alt. Die beiden Jüngsten der kleinen Herde feiern bald ihren ersten Geburtstag.

„Gott sei Dank sind sie Vegetarier“

Die asiatischen Trampeltiere mit ihrem wärmenden Fell stellen keine hohen Ansprüche. Trotzdem reichen die verdorrten Grashalme auch den genügsamsten Tieren nicht aus. Gemeinsam mit dem klugen Pferd „Lucky Luke“, dem amerikanischen Mustang, den Haflingern, dem Lama und den beiden Zwergponys fressen sie acht Zentner Heu am Tag. Das kostet rund 35 Euro. „Gott sei Dank sind sie Vegetarier“, lacht Karlheinz Renz, „bei einem Tiger ist es mit dem Futter schon schwieriger.“

„Kamele sind sehr kluge Tiere“, sagt der Zirkusdirektor. Dennoch dauert es ein Jahr, bis ein Kamel erstmals im Zirkus auftreten kann. Bei der Kamel-Nummer orientieren sich die Zirkusleute an den Bewegungen, die die Tiere von Natur aus können - zu zweit und zu viert gehen, sich im Kreis drehen, sich hinlegen. „Kein Kamel muss einen Handstand machen, das macht es in der Natur auch nicht“, sagt Renz. Das Besondere in der Manege ist, dass die Tiere auf Kommandos reagieren. Falls sich doch mal ein Vierbeiner stur stellt, hilft eine Karotte, ein Zuckerl oder ein frisches Brötchen.

Die Tiere sind das Reisen gewöhnt

Im Gegensatz zu vielen Kollegen klagt Karlheinz Renz nicht über die schwierigen Lebensbedingungen für Kleinzirkusse: „Wir Kleinen sind schon immer Überlebenskünstler gewesen.“ Seine Überzeugung: „Der Zirkus hat immer eine Chance.“ Allerdings gebe es in den Städten immer weniger Plätze, auf denen ein Zirkus gastieren könne. Auch in Rodgau. Nur dem Entgegenkommen der Familie Raab sei es zu verdanken, dass der Zirkus Renz sein Zelt in Jügesheim aufbauen konnte.

Nächsten Montag zieht der Familienzirkus aus Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) weiter - moderne Nomaden mit Zelt, Kamelen und motorisierter Zugmaschine. Die Tiere sind das Reisen gewohnt. Die Kamele haben ihren eigenen Transporter, 14 Meter lang und 2,55 Meter breit. Drinnen liegen sie dicht beieinander, wie Herdentiere in der Natur: Nähe bedeutet Schutz. Wenn Karlheinz Renz den Hengst zum Tiertransporter führt, kommt der Rest der kleinen Herde gleich nach: „Die sagen sich, hier ist das Gras abgefressen, auf dem nächsten Platz könnte es wieder ganz hoch stehen.“

Quelle: op-online.de

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