Gutes für Ross und Reiter

Mustafa Agman ist Hessens bester Sattlergeselle

Es gibt bequemere Arbeitsplätze. Meist muss Sattlergeselle Mustafa Agman im Stehen ran – oder er sitzt auf dem harten Näh-Ross, einem hölzernen Arbeitshocker mit Schraubzwinge, die das lederne Werkstück beim Bearbeiten fixiert.

Rodgau - „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“, verspricht ein alter Reim. So einfach ist das aber nicht. Denn damit sich diese bekannte Weisheit erfüllt, müssen Ross und Reiter gut ausgerüstet sein. Von Bernhard Pelka 

Darum kümmert sich in Nieder-Roden die Reitsportsattlerei Reitsport-Rheinmain. Kaum gegründet, hat die noch junge Firma von Sattlermeister Magnus Wehrheim einen Landessieger seines Fachs hervorgebracht: Sattlergeselle Mustafa Agman. Mustafa Agman sitzt in der Werkstatt auf dem Näh-Ross, einem hölzernen Arbeitshocker mit Schraubzwingen. Damit fixiert er das lederne Werkstück. Dann setzt er konzentriert die Nadel an. Stich für Stich entsteht eine akkurate Sattlernaht. Danach weitet er einen Sattel an einer Spezialmaschine und poliert ihn. Es ist kühl und riecht nach Leder und Pflegemitteln. Im Radio spielt leise Musik. Auf der Arbeitsplatte liegen Werkzeuge, mit denen Laien nichts anfangen können. Zum Beispiel ein Reifelholz, mit dem Agman das Leder verziert, oder ein Polsterstab.

Der Beruf des 24-Jährigen ist reine Handarbeit. Und die beherrscht der junge Mann so gut, dass die Handwerkskammer Rhein-Main ihn zunächst zum Kammersieger und vergangenen Dezember unter sechs Mitbewerbern sogar zum Landessieger in seinem Gewerk erklärte. Preiswürdig war die Spitzenqualität der von Mustafa Agman hergestellten Lederwürfelbecher, Umhängetasche, der Nähproben in verschiedenen Handnäharten und einer Trense mit Zügeln. „16 Stunden lang am Stück habe ich an der Trense gearbeitet“, erinnert sich der ausgezeichnete Handwerker an die Bosselarbeit. Im Februar 2016 eröffnete Reitsport-Rheinmain in den Räumen der früheren Tischlerei und Glaserei Jochem. Magnus Wehrheim und sein Mustergeselle bilden aber schon länger ein eingespieltes Team. Beide arbeiteten vor Gründung der Sattlerei an der Friedensstraße in der Sattlerei von Magnus Wehrheims Vater Peter in Babenhausen.

„Wir schwimmen in der Branche oben mit“

„Anfangs war die Werkstatt fast zu groß, jetzt wird sie langsam zu klein“, freut sich Magnus Wehrheim über die gute Geschäftsentwicklung. „Wir schwimmen in der Branche oben mit.“ Den Ausschlag für Rodgau gaben die an der Friedensstraße mögliche Kombination aus Betrieb und Wohnung auf einem einzigen Grundstück und die ausgezeichnete Autobahnanbindung. Sättel verkaufen und an Pferderücken anpassen sind das Kerngeschäft des Zweimannbetriebs, der im Umkreis von 60 Kilometern Kunden bedient. Bei Bedarf entstehen in der 70 Quadratmeter großen Werkstatt auch Maßanfertigungen. Die meiste Arbeit geschieht aber nicht in Nieder-Roden, sondern bei Kunden auf Pferdehöfen und in Ställen.

Genau dies schätzt Mustafa Agman an seinem Beruf so sehr. „Ich habe als Reitsportsattler die perfekte Mischung aus Handwerk, Kundenkontakt und Umgang mit Tieren gefunden“, schwärmt der Experte von seinem Broterwerb. Schon mit 16 Jahren absolvierte er in einer Maßsattlerei nahe seinem Wohnort Wallmerod im Westerwald ein Praktikum. Nach dem Fachabitur reifte die Entscheidung, dieses Hobby zum Beruf zu machen. „Uns liegt die Handarbeit im Blut“, sagt der Sohn aus einer bodenständigen Handwerkerfamilie. Vater Gültekin ist Schlosser, der kleine Bruder Muhammed Schreinergeselle. Sattelkissen polstern, Lederkanten ziehen, Leder ausschärfen, anreißen, verzieren und letztlich nähen, gehören zu Mustafa Agmans täglichen Handgriffen. Besonders aber liegt ihm der respektvolle und einfühlsame Umgang mit Pferden am Herzen. „Unser Job ist es, dem Tier die Belastung durch das Reiten so angenehm wie möglich zu machen. Es geht nicht darum, Schicki-Micki-Sättel herzustellen, sondern passgenaue Werkstücke, die dem Pferd gut tun.“

Für Ross und Reiter: Impressionen aus der Sattlerei

Um das zu erreichen, bedarf es nicht nur exzellenter handwerklicher Fähigkeiten. Vielmehr müssen auch profunde anatomische Kenntnisse vorhanden sein. Die hat der Musterschüler unter anderem während eines Anatomie-Symposiums in Leipzig erworben. „Dort haben wir am sezierten Pferdekörper alles gelernt über Knochenbau, Sehnen, Muskeln und Nervenstränge. Das ist unverzichtbares Wissen. Ohne das wäre es fahrlässig, unsere Arbeit zu machen.“

Neben seinem Beruf betreibt Mustafa Agman in Absprache mit seinem Chef an den Wochenenden im Westerwald eine mobile Reitsportsattlerei. Zwar würde der leidenschaftliche Handarbeiter auch gerne mal wieder selbst reiten – ganz so wie früher, als er sich zusammen mit weiteren Pferdeliebhabern ein Pferd hielt. Aber bei so viel Arbeit bleibt dafür keine Zeit. „Das wird erst später wieder was“, sagt der junge Mann. Dann greift er sich den nächsten Sattel, füllt das Sattelkissen mit einem speziellen Wolle-Mix, prüft mehrfach, ob die Polsterung ausreicht, stopft mit dem Polsterstab energisch nach, ist’s schließlich zufrieden und legt den Sattel beiseite. Der nächste Auftrag kann kommen.

Quelle: op-online.de

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