Mutig Musik gemacht

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Vier Bands, probten in den Räumen eifrig; aber die, das ist das Besondere an der Sache, erst einige Stunden zuvor gegründet worden waren.

Nieder-Roden ‐ Spaziergänger am Puiseauxplatz schauten verwundert, als sie in die Nähe des evangelischen Jugendzentrums Calvins Café gelangten. Von Astrid Spina

Rockige Klänge und kräftige Rhythmen schallten dort hinter den Fenstern hervor und ließen an vergangene oder aktuelle Kultbands und Konzertauftritte denken. Tatsächlich waren es auch vier Bands, die in den Räumen eifrig probten, aber die, das ist das Besondere an der Sache, erst einige Stunden zuvor gegründet worden waren. „Take 5“, „Red Night“, „Die Wilden Hamster“ und „Magma-Rocker“ lauten die Namen der brandneuen Musikgruppen von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren.

Entstanden sind die Bands bei einer Musikwerkstatt, die von der evangelischen Jugend um Diplompädagogin Brigitte Hardrick erdacht und erfolgreich umgesetzt wurde. Gemeinsam mit Gemeindepädagogin Susanne Höll, dem Jugendteam und Musikern der Band „Dirty Rodriguez“ konnten sich die teilnehmenden 20 Kinder musikalisch einmal nach Herzenslust austoben. Sie kamen in den Genuss, mit Instrumenten zu hantieren, zu denen sie normalerweise nicht ohne Weiteres Zugriff haben: Schlagzeug, Bass und E-Gitarre. „Ich wollte schon immer mal Gitarre spielen“, freute sich der zehnjährige Tobias. „Hier kann ich das einfach mal ausprobieren.“ Nun hat er Gefallen daran gefunden und will weitermachen.

Spielen, singen, ausprobieren

In verschiedenen Stationen konnten die Kindern unter fachlicher Anleitung alle Instrumente erspüren und genauer kennen lernen. Natürlich stand auch ein Mikrofon bereit, denn was wäre eine Band ohne Gesang? Doch gerade das kostet für viele erst einmal Überwindung und Mut: Vor anderen zu singen und sich und die eigene Stimme zu präsentieren. So stand auch die zehnjährige Josephine zum ersten Mal am Mikrofon. „Am Anfang wollte ich das gar nicht machen“, erzählte sie offen, „aber jetzt bin ich total froh, dass ich es ausprobiert habe. Es macht richtig Spaß!“

Spielen, singen, ausprobieren, das war das Programm der Musikwerkstatt. Nachdem die Teilnehmer - eine ausgewogene Mischung aus Mädchen und Jungen - ein Gefühl für die Musik entwickelt hatten, durfte sich jeder für eines der Instrumente oder eben den Gesang entscheiden. So standen am Ende vier Bassisten, vier Schlagzeuger, vier Sänger und acht Gitarristen bereit, die sich in den vier Bands mit den selbst erdachten Namen, zusammenfanden.

Am zweiten Projekttag erhielten die Bands jeweils ein Lied, das sie den Tag über probten, um es dann abends vor (Eltern-)Publikum zu präsentieren. So wurden Songs wie „Knocking on heavens door“, „Ich bin bereit“, „When I come around“ und „Kompliment“ musikalisch auf die Bühne gebracht.

Jederzeit Zugang zu eigener Musikalität

Die Umsetzung dieses gelungenen Projekts „Musikwerkstatt“ war sicherlich eine Herausforderung, denn die teilnehmenden Kinder besaßen sehr unterschiedliche musikalische Vorkenntnisse. Konnten einige von ihnen bereits Instrumentenerfahrung vorweisen, fingen andere komplett bei „null“ an.

So klangen die Töne durchaus nicht immer harmonisch, nicht immer spielten die Kinder im gleichen Takt. Aber durch das intensive Miteinander funktionierte es letztlich doch - und genau das war die Botschaft der Werkstatt: „Es ist nie zu spät, Musik zu erlernen und in der Gruppe geht alles leichter“.

Auch ohne musikalische Früherziehung steht jedem jederzeit der Zugang zur eigenen Musikalität offen und ermöglicht das Erlernen ganz persönlicher Fertigkeiten wie z.B. Rhythmus- und Taktgefühl, Gehörschulung und Konzentrationsvermögen. Worauf es an dem Wochenende jedoch besonders ankam, das waren die zahlreich gewonnenen sozialen Kompetenzen.

„Gemeinsam Musik zu machen, bedeutet, nicht nur die Instrumente zu beherrschen, sondern sich in eine Gruppe einzufügen“, erläuterte dies Brigitte Hardrick. „Es geht darum, sich auf den anderen einzulassen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, sich gegenseitig zu fordern und zu fördern.“ Das sind Kernkompetenzen, die in der heutigen Zeit oftmals untergehen.

„Wir wollen auf alle Fälle weitermachen.“

Und: Zusammen an einer Sache zu arbeiten, erzeugt Motivation. Gemeinsam statt einsam lautet die Devise. „Manchmal braucht man eine Gruppe, um dranzubleiben“, betont Brigitte Hardrick. Dieses Ziel haben die Diplom-Pädagogin und ihr Team mit Sicherheit erreicht.

„Wir wollen auf alle Fälle weitermachen und haben schon unsere Telefonnummern ausgetauscht“, resümierte der elfjährige Sebastian, nunmehr angehender Bassist und Bandmitglied der „Red Nights“. Es bleibt zu hoffen, dass Kinder und Jugendliche noch viele solcher konstruktiven Projekte genießen dürfen.

Quelle: op-online.de

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