Lösung auf Kosten von Kindern aus Heusenstamm?

Nach KV-Entscheidung: Engpass bei Kinderärzten bleibt

Rodgau - Auf der Suche nach einem Kinderarzt sehen sich Eltern weiterhin mit Aufnahmestopps konfrontiert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen lehnt die personelle Aufstockung einer Rodgauer Praxis ab. Von Ekkehard Wolf 

„Jeden Tag muss ich Kinder ablehnen“, sagt Dr. Andreas Hinkel (Nieder-Roden). Den Zulassungsausschuss der KV überzeugte das ebenso wenig wie die mehr als 1 400 Unterschriften von Eltern und eine Online-Petition mit 500 Unterstützern. „Leider hat sich die KV nicht für Ihre Sorgen interessiert“, teilt der Kinder- und Jugendarzt den Unterstützern der Petition mit. Als absurd bezeichnet Dr. Hinkel die Empfehlung, er solle den Kassensitz von Dr. Ingrid Zessin-Erol (Heusenstamm) erwerben und nach Rodgau verlegen. „Auf meinen Einwand, dass dann noch mindestens 1 000 Patienten aus Heusenstamm zu betreuen seien, was das Problem ja nicht löst, wurde nur lapidar gesagt: ,Es werden ja nicht alle 1 000 Patienten mitgehen.’“ Mit anderen Worten: „Die KV fordert mich auf, den Kindern in Heusenstamm ihre kinderärztliche Versorgung zu entziehen.“

Die mündliche Verhandlung des Zulassungsausschusses in Frankfurt war laut Hinkel eine Farce: „Die Entscheidung war bereits im Vorfeld gefallen.“ Dies habe der Vorsitzende schon im ersten Satz ausgedrückt. „Er hat mir zwar dann noch das Wort erteilt und ich konnte die Situation noch mal darstellen, aber da war trotzdem nichts zu erreichen“, berichtet der Rodgauer Arzt. Nach einer Beratungspause von zwei Minuten wurde er wieder hereingerufen: Er habe sich gut präsentiert, die personelle Aufstockung der Praxis sei medizinisch nachvollziehbar und menschlich verständlich – aber leider, leider, erlaubten die rechtlichen Umstände keine Zustimmung.

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Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus dem Main-Kinzig-Kreis. „Ich weiß, dass es in Maintal funktioniert hat“, sagt Dr. Andreas Hinkel. Eine Kollegin habe eine zusätzliche halbe Stelle erhalten, obwohl der Kreis offiziell mit Kinderärzten überversorgt sei. In Rodgau und Umgebung ist die Situation ähnlich. Neu zugezogene Eltern tun sich schwer, einen Kinder- und Jugendarzt zu finden. Manche Praxen sind so überlastet, dass sie nicht einmal Neugeborene aufnehmen können. Gleichwohl spricht die Kassenärztliche Vereinigung von Überkapazitäten. Fahrstrecken von bis zu 14 Kilometern seien zumutbar. Wie widersprüchlich das System ist, zeigt das Beispiel der Kinderärztin Dagmar Silber aus Obertshausen. Laut KV Hessen soll sie einerseits einen Aufnahmestopp verhängen und andererseits Patienten aus Rodgau aufnehmen.

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Die Kassenärztliche Vereinigung sitzt selbst zwischen zwei Stühlen. Einerseits ist sie eine Art Selbstverwaltung der Ärzte, andererseits muss sie die flächendeckende ärztliche Versorgung sichern. Die Bedarfsplanung unterscheidet nach Hausärzten und Fachärzten. Bei Kinder- und Jugendärzten ist das ein Problem: Sie sind zwar Fachärzte, leisten aber auch die hausärztliche Versorgung. Wenn eine ansteckende Krankheit grassiert, steigt der Arbeitsanfall innerhalb kurzer Zeit sprunghaft an. „Manche Patienten sehe ich dreimal in der Woche, wenn sie akut krank sind“, sagt Dr. Andreas Hinkel. Seit fünf Jahren betreibt er seine Praxis in einem Jobsharing-Modell mit Dr. Nadine Gerhold-Stieb. Die Ärztin möchte gern mehr arbeiten, darf es aber nicht. Nun warten beide auf den schriftlichen Bescheid aus Frankfurt und prüfen ihre rechtlichen Möglichkeiten. Dr. Hinkel will nicht aufgeben: „Man kann sich doch nicht so abbürsten lassen.“ Bürgermeister Jürgen Hoffmann sagt den Ärzten seine Unterstützung zu, räumt aber ein: „Wir haben es auf so vielen Wegen probiert, dass es mir tatsächlich schwerfällt, einen Hebel zu finden.“

Quelle: op-online.de

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