Aufruf zum Frieden

Den Namen ein Gesicht gegeben

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Erinnerungen wecken die Porträtfotos und Namen auf den Gedenktafeln. Hilde Kratz (rechts) vom VdK Dudenhofen hat die Fotografien zusammengetragen.

Dudenhofen - Zwei große Gedenktafeln auf dem Friedhof Dudenhofen erinnern an 179 Männer und Frauen, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Das Besondere daran: Porträtfotos ergänzen die Namen, Geburts- und Sterbedaten um eine zusätzliche Dimension.

Der Sozialverband VdK hat die Gedenktafeln am Samstag der Öffentlichkeit übergeben. Die jüngsten Soldaten starben mit 18 Jahren, andere hinterließen Frau und Kinder. Jeder vierte Tote hatte noch nicht das 21. Lebensjahr erreicht. Sie fielen weit weg von ihrer Heimat, die meisten (61 Prozent) in Russland. Neben Angehörigen der Wehrmacht kamen auch einzelne Zivilisten aus Dudenhofen im Krieg ums Leben. Katharina Liller starb bei einem Bombenangriff auf Darmstadt. Drei Monate vor Kriegsende ging eine junge Polin (23) in den Tod – aus Heimweh, wie es heißt.

Der VdK Dudenhofen hatte zu seiner 50-Jahr-Feier 1997 erstmals Fotos der gefallenen und vermissten Soldaten präsentiert. Die Ausstellung im Bürgerhaus fand so großen Anklang, dass sie zehn Jahre später wiederholt wurde. VdK-Vorstandsmitglied Hilde Kratz hatte bei den Angehörigen nach Fotografien gefragt. Heimatforscher Albert Kämmerer lieferte zahlreiche Detailinformationen.

Viele weitere Menschen haben dazu beigetragen, dass Friedhofsbesucher nun täglich den Toten des Zweiten Weltkriegs ins Gesicht sehen können. Wolfgang Giese, Wolfgang Heffe, Walter Kraus und Stefan Reinhardt zählen zu jenen, die sich ehrenamtlich dafür engagierten. Nach anfänglichen Irritationen fanden die Stadtwerke Rodgau gemeinsam mit dem VdK einen passenden Ort für die Bildtafeln am Denkmal für die gefallenen Soldaten. Die Stadtwerke waren am Samstag mit Christina Breuninger (Friedhofsabteilung) und Betriebsleiter Dieter Lindauer vertreten. VdK-Vorstandsmitglied Adam Pfeifer dankte den Stadtwerken dafür, dass sie dort auch zwei Sitzbänke aufgestellt haben.

Die Aufgabe: den Frieden erhalten

Gemeinsam mit dem VdK sei es gelungen, einen weiteren Beitrag zur kulturellen Identität des Ortes zu schaffen, würdigte Klaus Klein vom Verein Heimat, Geschichte und Kultur in Dudenhofen. Er berichtete auch von seiner persönlichen Motivation, das Projekt zu unterstützen: Sowohl sein Großvater als auch sein Vater waren Kriegsteilnehmer. Ludwig Klein II., der Großvater, wurde 1914 mit 25 Jahren zur Infanterie eingezogen, kämpfte in Nordfrankreich, wurde fünf Mal verwundet „und überlebte nur, weil der Krieg zu Ende war und man Zeit hatte, ihn gesund zu pflegen“. Philipp Heinrich Klein, der Vater, wurde als 17-Jähriger eingezogen und musste im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Er kannte alle Dudenhöfer, die auf den Bildtafeln abgebildet sind. Seinem Sohn sagte er später, dass keiner der Gefallenen ein Held sein wollte: Im Krieg zu sterben sei barbarisch. „Meine Generation und ich brauchten nicht durch all dieses Leid zu gehen“, sagt Klaus Klein heute, „unsere Aufgabe ist es nun, den Frieden zu erhalten.“ Die Gedenktafeln seien ein Beitrag dazu, junge Menschen zur Erhaltung des Friedens zu erziehen.

Diese Verantwortung der Nachkriegsgeneration rückte auch Landtagsabgeordneter Frank Lortz in den Mittelpunkt. 100 Jahre nach Beginn des Ersten und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gelte es Lehren aus Krieg, schweren Verbrechen und Vertreibung zu ziehen. Die wichtigste: als Menschen miteinander und nicht gegeneinander zu leben.

Ungeahnte Erlebnisse

„Gedenken und Trauer gehören zum Leben dazu“, betonte Lortz. Dennoch müsse man „mit der Mär aufräumen, alle Soldaten seien Täter gewesen“. Die meisten Männer, die auf den Fotos abgebildet seien, hätten eine ganz andere Lebensplanung gehabt, als in den Krieg zu ziehen. Sie seien „Opfer einer Ideologie, einer Diktatur, die uns ins Verderben geführt hat“.

Ein Bläserensemble des Musikvereins Dudenhofen umrahmte die feierliche Übergabe der Gedenktafeln vor rund 50 Besuchern. Das größte Projekt in der Geschichte des VdK Dudenhofen ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Der Heimatverein plant, die Gedenkstätte um einige Nachzügler-Bilder und statistische Angaben zu ergänzen. Und die Stadtwerke denken darüber nach, die Friedhöfe als Orte der Begegnung aufzuwerten, indem Schrifttafeln an markante Persönlichkeiten erinnern.

Schon heute bietet die Gedenkstätte ungeahnte Erlebnisse. Eines davon erlebte Kurt Klein aus Dudenhofen: Auf einem Bild erkannte er seinen Onkel, der am 22. März 1943 in Russland fiel. „Daheim wurde nie darüber gesprochen. Das war ein Tabuthema.“ Erst auf der Gedenktafel las er das Todesdatum und verspürte den Schauer der Geschichte. Zufall oder nicht: Am 22. März hat Kleins Sohn Geburtstag. 

eh

Quelle: op-online.de

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