Naturkost aus der Nische geholt

Die alte Waage aus der Gründungszeit begleitet Renate Haller seit einem Vierteljahrhundert. Die Einrichtung ihres Bioladens erinnert jedoch nicht mehr an die frühere „Kichererbse“. Foto: Pulwey

Jügesheim - (pul) Seit 25 Jahren steht der Name Renate Haller für Biokost in Jügesheim. Als Pionierin in Sachen Biolebensmittel in der Region stürzte sich die Jügesheimerin 1984 in die Selbstständigkeit. Heute gehen die ersten Gratulationen zum Jubiläum im Ladengeschäft an der Hintergasse ein, auch wenn die Sektkorken offiziell erst am 18. Mai knallen werden.

Vor 25 Jahren prangte der Name „Kichererbse“ über der Eingangstür von Renate Hallers erstem Laden auf der Dudenhöfer Straße. Ein Bioladen im Einzelhandel war Mitte der 80-er Jahre im Kreis Offenbach noch Neuland. „Das Finanzamt wusste gar nicht, wie es mich eingruppieren sollte“, erinnert sich die 46-Jährige und setzt dabei das zur guten alten Zeit passende Schmunzeln auf. Wobei es bezogen auf Bio eher die schlechte alte Zeit war. Die ganze Branche steckte in den Windeln. Ein Stück Butter kostete 4,95 Deutsche Mark. An große Umsätze war nicht zu denken.

Eine Maschine zum Auspreisen der Ware konnte sich die Jungunternehmerin nicht leisten. Mit handgeschriebenen Preisschildchen versah sie ihre Produkte. Dass zur Anfangszeit Freunde und Nachbarn bei ihr einkauften, um sie zu unterstützen, dafür ist Renate Haller immer noch dankbar.

Bereut hat sie den Sprung ins kalte Wasser aber nie und sich einer Handelskette anzuschließend kam auch nicht infrage. „Ich will aktiv entscheiden“, erklärt sie ihr Vorgehen. Bei dem Namenszug „Bioladen“, den sie derzeit verwendet, handelt es sich um ein Markenzeichen eines Großhändlers aus Nordrhein-Westfalen.

Voran ging es auch mit der Ladenfläche. Von den Verkaufsräumen an der Eisenbahnstraße zog der Bioladen für zehn Jahre in die Gartenstraße, bevor Renate Haller den mutigen Schritt wagte, in das Herz Jügesheims umzuziehen und die Verkaufsfläche zu vervielfachen. Heute beschäftigt die gelernte Drogistin an der Hintergasse fünf Angestellte und präsentiert auf 300 Quadratmetern mehr als 5 600 Artikel.

Längst wird Bio von der Supermarktkonkurrenz nicht mehr belächelt. Ganz im Gegenteil. Die großen Nahrungsmittelproduzenten haben sich auf die gestiegene Nachfrage der Verbraucher eingestellt und das Bio-Logo haftet täglich frisch auf Salat und Gemüse und nicht mehr nur auf selbst gemahlenen Getreidesorten, Müsli oder Süßreis. Renate Haller sieht die Entwicklung positiv. So kostet Bio-Butter heute 2,29 Euro und ist damit günstiger als vor 25 Jahren.

DATEN, FAKTEN

 Der erste Bioladen in Deutschland wurde 1971 in Berlin eröffnet.

 In den 80er Jahren wuchs die Zahl der Bioläden auf mehr als 1000. Erste Qualitätskontrollen wurden gemeinsam organisiert.

 Die EU-Ökoverordnung regelt seit 1991 die Herstellung und Kennzeichnung von Öko-Produkten. Seit 2001 gibt es in der Bundesrepublik ein staatlich kontrolliertes Bio-Siegel.

 Viele Anbauverbände garantieren eine höhere Qualität als die EU-Verordnung.

Quelle: op-online.de

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