Nicht nur Schrott im Fundbüro

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Zehn Euro zum Ersten, zum Zweiten … ist da hinten noch ein Gebot? Helmut Fecher (links) versteigerte am Samstag nicht abgeholte Fundsachen.

Jügesheim - 60 Leute drängen sich in der Garage des städtischen Fundbüros an den Fahrrädern entlang. Die jährliche Fundsachenversteigerung ist eine gute Quelle für gebrauchte Drahtesel. Warum mit dem teuren Stahlross zum Badesee fahren, wenn es dort sowieso geklaut wird? Von Ekkehard Wolf

Da nimmt man lieber die alte Gurke aus dem Fundbüro, die für Fahrraddiebe weniger attraktiv ist. Ein bisschen Rost am Lenker darf da gerne sein.

Die meisten sind wegen der Fahrräder gekommen. Doch es gibt auch andere Dinge, die gefunden und nicht abgeholt wurden - und die sind zuerst dran. Helmut Fecher von Ordnungsamt spielt den Auktionator, zwei Kollegen arbeiten ihm zu, ein weiterer sitzt an der Kasse. Erfolglos preist Fecher ein Hörgerät an. Auch ein Herrenmantel der Größe 56 bleibt liegen: Keiner der Anwesenden hat die passende Figur. Ein Kinderwagen „mit Inhalt, aber ohne Kind“ muss ebenfalls wieder in die Garage zurück.

Was ist in dem schwarzen Rucksack drin? „Ketten, Schlösser und ein Bolzenschneider“, sagt Helmut Fecher. Gelächter in der Runde. Das Einbruchswerkzeug geht für drei Euro weg. Ebenso viel bringt ein Bild des Heiligen Georg auf Kupferblech.

Marcel Dauth freut sich über seine Neuerwerbungen.

Auch Diebesware kommt unter den Hammer: 14 Autoradios in einer blauen Reisetasche. Die Polizei hatte sie einem mutmaßlichen Straftäter bei einer Kontrolle an der B 45 abgenommen. Da die Eigentümer nicht zu ermitteln waren, landeten die Geräte im Fundbüro. Nach der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist werden sie nun zum Stückpreis von fünf Euro verhökert. Nur zwei, drei Autoradios finden Abnehmer.

Recht lieblos wird eine Plastiktüte mit 20 Büchern angeboten. Niemand schaut hinein, keiner will sie haben. Immerhin schlummert in der Tüte ein Goldschnittband von 1860 mit Goethe-Gedichten - ein Liebhaberstück, aber leider etwas ramponiert.

Ein Schnäppchen macht Ruheständler Franz Stockdreher. Er ersteigert eine nagelneue Carrera-Autorennbahn für 28 Euro: „Die bekommt mein Enkel zum Geburtstag.“

Die Fahrräder gehen am besten

Bei den Fahrrädern nimmt die Versteigerung Fahrt auf. In Ein-Euro-Schritten jagen sich die Gebote, aber nur bis auf 21 oder 25 Euro. Ein 1000-Euro-Bike ohne erkennbare Schäden geht für schlappe 36 Euro weg. Und auch manche alte Mühle findet für fünf oder zehn Euro noch einen Abnehmer, wenn sie nicht gerade einen Achter im Hinterrad hat. Zehn der 49 angebotenen Drahtesel erweisen sich als unverkäuflich.

Für zehn Euro ein Fahrrad, da kann man nichts sagen“: Der angehende Sechstklässler Benjamin Maier aus Rödermark kann unbesorgt per Rad zur Schule fahren. „Ich fahre doch kein Rad für 800 Euro, das wird an der Schule sowieso geklaut.“ Sein stabiles Zweirad hat 18 Gänge und ist bis auf ein paar Kleinigkeiten gut in Schuss. „Für den Preis können wir noch ein bisschen was dran machen“, sagt sein Vater.

Ein Mädchen aus Ober-Roden freut sich über ein Kinderfahrrad, das Opa bezahlt. Diebe hatten ihr Rad vor dem Kindergarten gestohlen.

Benjamin Meier kam günstig zu einem neuen Fahrad.

Ein lilafarbenes Treckingbike hat sich Maike Zimmermann für zehn Euro ersteigert. Ein Ordnungspolizist pumpt ihr sogar die Reifen auf, so dass sie direkt nach Hause fahren kann. „Eigentlich hasse ich das Fahrradfahren, deshalb habe ich auch keines“, sagt die junge Frau, die nur notgedrungen umgestiegen ist. Ein Unfall war der Grund: „Ich hab‘ mein Auto geschrottet, jetzt muss ich muss zwei bis drei Monate warten, bis das neue geliefert wird.“ Die zehn Euro für ihren Drahtesel sind gut angelegt: „Billiger als Busfahren.“

Einen ganzen Autoanhänger kann Marcel Dauth mit seiner ersteigerten Ware füllen: Sechs Fahrräder sind es diesmal. „Ich nehme sie auseinander und baue sie neu zusammen“, erzählt der Bastler aus Dudenhofen, der seine Umbauten auch selbst fährt.

Das letzte Objekt der Versteigerung, ein Motorroller der Marke Italsud, erweist sich als Ladenhüter. Niemand will dafür auch nur 20 Euro locker machen.

Wir haben nix mehr“, verkündet Helmut Fecher nach knapp einer Stunde. Bevor sich die letzten Besucher auf den Heimweg machen, stöbern sie noch einmal in den Resten. Die Tasche mit den Autoradios geht noch weg. Auch der Herrenmantel wird erneut anprobiert - aber er ist immer noch zu groß.

495 Euro sind am Ende in der Kasse - zu wenig, um das Millionenloch im städtischen Haushaltsplan zu stopfen. Die Fundsachenversteigerung des letzten Jahres brachte immerhin 800 Euro ein, aber damals war das Preisniveau der Fahrräder auch höher - etwa 50 bis 120 Euro pro Stück.

Quelle: op-online.de

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