Ein DVD-Stapel so hoch wie der Kölner Dom

Verein digitalisiert alte Heimatfilme: Archiv erfordert riesigen Speicherplatz

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Ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern der Vergangenheit: Auf dieser Szene vom Brand der Chinamauer 1989 sind unter anderem der damalige Bürgermeister Paul Scherer und OP-Redakteur Gerd Morian zu sehen.

Ein Heimatverein transportiert die dörfliche Vergangenheit ins Digitalzeitalter: Seit einigen Jahren digitalisiert der Arbeitskreis für Heimatkunde Nieder-Roden die lokalen Filmdokumente aus sechs Jahrzehnten.

Nieder-Roden – Für den Vorsitzenden Frank Stoffels und sein ehrenamtliches Team bedeutet das eine Menge Arbeit. Das Heimatfilmprojekt des Vereins hat eine rekordverdächtige Dimension.

Kaum sonst wo haben Heimatforscher Zugriff auf mehrere Jahrzehnte fast durchgängig gefilmte Geschichte. 145 Rollen 16-Millimeter-Film aus den Jahren 1954 bis 2011 birgt das Archiv laut Stoffels. Bei jeweils bis zu 600 Metern Standardlänge und 18 Einzelbildern pro Sekunde ergibt das ein Datenvolumen 123 Terabyte. Für die Erstspeicherung und zwei Sicherungskopien braucht der Verein dann eine große Anzahl an Festplatten oder einen DVD-Stapel so hoch wie der Kölner Dom. 22 500 Euro fielen allein für den Materialaufwand an, die technische Ausrüstung für die Digitalisierung nicht mitgerechnet.

Der inhaltliche Anspruch ist hoch. Er beschränkt sich nicht auf einfache Kopien des Filmmaterials, das Pioniere wie der Lehrer Karl Müller in den 1950er-Jahren und später Rudi Keller der lokalen Nachwelt hinterlassen haben. Die aufgearbeiteten Heimatfilme kommen sowohl unterhaltsam als auch informativ daher. Das erlebte auch das Publikum beim jüngsten Heimatfilmabend vor einigen Wochen. Dort gab es ein vielfach erheiterndes, von Ohs und Ahs begleitetes Wiedersehen mit legendären Gestalten („Da der Egon! Ist das nicht der Willi?“) und früheren Ortsansichten beim Kreisfeuerwehrtag, der 1956 zur Einweihung des Feuerwehrhauses am alten Friedhof Nieder-Roden stattfand. Alles, was bei den Brandschützern in der Umgebung Rang und Namen hatte, fand sich zum Festzug ein, sämtliche Feuerwehren aus den späteren Rodgau-Stadtteilen nahmen an einer Übung im Ortskern teil und feierten später im Festzelt.

Erinnerungen an frühere Ereignisse halten die digitalisierten Heimatfilme wach. 

Ernster war der Anlass, der Heimatfilmer Rudi Keller 1989 zur Kamera greifen ließ: ein Großbrand in den Hochhäusern der „Chinesischen Mauer“.

Günther Keller, der langjährige Vorsitzende des Arbeitskreises, erinnert sich noch lebhaft an den spektakulären Brand vor gut drei Jahrzehnten. Er war als Augenzeuge dabei und berichtet vom Kampf hunderter Wehrleute gegen die Flammen. Auf einem Balkon gehortetes Benzin hatte damals eine Explosion ausgelöst, bei der es auch einen Toten gab. Der nachfolgende Brand gefährdete auch den „Ami-Block“ der wuchtigen Wohnanlage und rief US-Militärs auf den Plan. Auf den alten Filmszenen gibt es auch ein Wiedersehen mit bekannten Köpfen der jüngeren Vergangenheit wie dem damaligen Bürgermeister Paul Scherer und dem Offenbach-Post-Redakteur Gerd Morian.

Sie können erzählen: Vorsitzender Frank Stoffels (links) vom Arbeitskreis für Heimatkunde arbeitet die Heimatfilme auf, sein Vorgänger Günther Keller rechts hat viele wichtige Ereignisse im Ort miterlebt. 

Nach diesem „feuerwehrlastigen“ Heimatfilm will sich das Team um Frank Stoffels nun anderen Themen widmen. Der Filmbestand enthält Streifen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Erlebensreichen. Die Hobby-Cutter wollen sie thematisch zusammenschneiden und mit Zeitzeugeninterviews und Erläuterungen so anreichern, dass auch künftige Generationen die gezeigten Szenen noch verstehen.

Unterstützt werde der Arbeitskreis schon jetzt von der Stadt, von Sponsoren und Organisationen wie Feuerwehr und Jagdgenossenschaft. Ob das am Ende reichen wird, weiß der Vorsitzende nicht. Sowohl ideelle als auch finanzielle Unterstützung sei stets willkommen.  

zrk

Quelle: op-online.de

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