Große Gefühle am Strand

„La Traviata“ begeistert als Oper in Kurzfassung

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Auf Decken und Klappstühlen verfolgten gut 500 Zuhörer die Liebesgeschichte von Violetta und Alfredo.

Der See als Bühne, die Hochhäuser als ferne Kulisse und der Sandstrand als Zuschauerraum eines Opernhauses: Gut 500 Zuhörer erlebten am Donnerstag im Strandbad „La Traviata“ von Giuseppe Verdi.

Nieder-Roden – Für manche mag es das erste Opernerlebnis gewesen sein. Aber auch für Kenner bot der Abend Neues. Der Verein „Music to go“ hatte das populäre Werk von zweieinhalb Stunden auf 80 Minuten eingedampft. Ein Streichquartett ersetzte ein ganzes Orchester und von den zwölf Rollen waren nur die drei wichtigsten besetzt.

Ungewöhnlich war nicht nur der Spielort, sondern auch die Bühne. Das Technische Hilfswerk hatte aus Plastik-Pontons eine schwimmende Plattform ins flache Wasser gesetzt. Den begrenzten Platz auf dem schwankenden Boden bespielten die drei Sänger mit starken Stimmen und großen Gefühlen: Désirée Brodka (Sopran) als Violetta, Carlos Moreno Pelizari (Tenor) als Geliebter Alfredo und Agris Hartmanis (Bass-Bariton) als dessen Vater Giorgio. Dazu: vier Klasse-Streicher mit Konzertmeisterin Katharina Storck. Alle zusammen seien „ein richtiges Dream-Tream“, strahlte Brodka bei der Begrüßung. Mit Profis aus Lettland, Chile und Spanien war das Ensemble international besetzt.

Die Sopranistin war nicht nur als Hauptdarstellerin präsent. Als Moderatorin straffte sie die Handlung, lieferte ergänzende Informationen und erklärte die italienischen Texte. Die ersten beiden Vokabeln übersetzte sie gleich in der Anmoderation: „amore“ für Liebe und „mai“ für niemals – „das sind schon die Hauptzutaten für eine Oper“.

Eine kleine Bühne aus Pontons reichte dem siebenköpfigen Ensemble für die Oper im Espresso-Format. Fotos: Wolf

Auch wenn der Vergleich mit berühmten Spielstätten vermessen erscheint, ist die improvisierte Rodgauer Seebühne doch auf ihre Weise einmalig: „In Bregenz gibt es nicht so schöne Liegeplätze“, betonte Kulturdezernent Winno Sahm. Weil für seine Ansage kein Mikrofon bereit lag, neigte ihm die Hauptdarstellerin kurzerhand ihr Headset zu – in der Kopf- und Körperhaltung ein unfreiwillig komischer Anblick.

Schon nach den ersten Takten der Ouvertüre waren solche Nebensächlichkeiten vergessen. Und dann entfaltete und entwickelte sich die Handlung mit einem Wechselbad der Gefühle bis zum tragischen Ende. Während sich die Sopranistin in ihren Koloraturen emporschraubte, hörte man platschende Geräusche, als drei Jugendliche ein Stück weiter draußen von einem Ponton sprangen. Aber das störte ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich manche Zuhörer während der Aufführung am Kiosk Pommes holten.

Um das Publikum nicht mit dem traurigen Schluss nach Hause zu schicken, gab es als Zugabe nochmals das Trinklied „Brindisi“, „den freundlichsten Ohrwurm, den diese Oper zu bieten hat“, so Brodka. Pünktlich zu diesem Finale kam unter den schwarzen Wolken die Sonne heraus. Ein Lob auf die Lichtregie!

VON EKKEHARD WOLF

Quelle: op-online.de

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