Fest gemauert

Neue Kirchenglocke erfordert wochenlange Arbeit

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Schicht für Schicht trägt ein Mitarbeiter der Glockengießerei Rincker den Lehm auf, um die Gussform herzustellen. Die Verzierung ist bereits eingearbeitet.

Die evangelische Kirchengemeinde Nieder-Roden kann zu ihren Gottesdiensten bald vierstimmig läuten. Das Gemeindezentrum am Puiseauxplatz bekommt eine vierte Glocke.

Nieder-Roden – Eine neue Glocke ist nicht nur für regelmäßige Kirchgänger faszinierend. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, eine frisch gegossene Glocke zu berühren und zum Schwingen zu bringen? Den meisten Menschen bietet sich diese Chance höchstens einmal im Leben. Mit etwas Glück können sie auch beim Guss dabei sein.

Vier Jahre nach seiner Einweihung ist das erweiterte Gemeindehaus bald komplett. Beim Bau des Glockenturms vor einem Jahr wurden zunächst die drei Glocken aus der ehemaligen Christuskirche aufgehängt. Der Platz für eine vierte Glocke blieb frei. „Dass sie so schnell kommt, wussten wir nicht“, sagt Claudia Wolny vom Kirchenvorstand.

„Wir haben jetzt für 880 000 Euro umgebaut, die 10 000 bekommen wir auch noch hin“, hatte sie als Bauausschussvorsitzende bei der Einweihung 2015 gesagt. Dank eines Großspenders wird der Wunsch nun Wirklichkeit.

Mit dem Klangkörper aus Bronze verbinden viele Menschen nicht nur volltönenden Wohlklang, sondern auch traditionsreiche Handwerkskunst und die archaische Vorstellung von Feuer und flüssigem Metall. Und das zu Recht: Glocken werden heute noch genauso hergestellt wie vor einigen hundert Jahren. „Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt“, schrieb Friedrich Schiller 1799 im „Lied von der Glocke“.

„Schiller hat in seinem Lied von der Glocke Dinge beschrieben, die für uns heute noch alltäglich sind“, sagt Hanns Martin Rincker, einer der beiden Geschäftsführer der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in der mittelhessischen Gemeinde Sinn. Gemeinsam mit seinem Bruder leitet er den Familienbetrieb in der 13. Generation. Dort wird die neue Glocke für Nieder-Roden gegossen – wie schon die drei anderen vor rund 50 Jahren.

Am Tag des Gusses ist die meiste Arbeit bereits getan. Seit Wochen sind die Handwerker dabei, die Form aus unzähligen dünnen Lehmschichten aufzubauen. Erst wenn eine Schicht getrocknet ist, kann die nächste aufgetragen werden. „Die allerkleinste Glocke kann man in diesem Verfahren nicht unter vier Wochen herstellen“, sagt Hanns Martin Rincker. Eine andere Art der Herstellung kommt für ihn nicht infrage: „Wir haben bis heute keinen Formstoff gefunden, der besser ist als Lehm.“ Man könne Glocken zwar auch in Sand gießen, aber das Ergebnis sei klanglich nicht so überzeugend: „Sie hören den Unterschied.“

Der genaue Gusstermin steht noch nicht fest, voraussichtlich an einem Freitag in der ersten Augusthälfte. Hanns Martin Rincker hofft, dass auch Besucher aus Nieder-Roden diesem Ereignis beiwohnen: „Wir haben es sehr gerne, wenn die Kirchengemeinde dabei ist. Wir möchten nicht alleine an der Grube stehen, wenn wir die Glocke gießen. Am liebsten ist uns, wenn der Pfarrer dabei ist und ein Gebet spricht.“

Dass Glocken gern freitags nachmittags gegossen werden, hat laut Rincker nichts mit der überlieferten Todesstunde Jesu zu tun. Der Zeitpunkt sei sinnvoll, damit die Glocke übers Wochenende ausglühen könne. Außerdem hätten freitags mehr Leute Zeit, beim Guss zuzusehen.

Am Montag nach dem Guss wird die Glocke ausgegraben. Das dauert einige Stunden. Dann entfernen die Handwerker den verbrannten Lehm, ziselieren kleine Risse aus und nehmen die klangliche Feinabstimmung vor, indem sie an der Innenseite bei Bedarf ein wenig Metall abschleifen. Das geschieht auf einen sechzehntel Halbton genau: „So präzise muss eine Glocke gegossen sein“, sagt Hanns Martin Rincker.

Die sogenannte Glockenzier haben die Silber- und Goldschmiede Bruno Sievering-Tornow und Martina Tornow aus Rodenbach gestaltet. Sie orientierten sich dabei an dem Bibelvers, der auf der Glocke zu lesen sein wird: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

VON EKKEHARD WOLF

Quelle: op-online.de

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