Der Nikolaus ist kein Erzieher

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Die Tour durch Rodgauer Kinderzimmer ist vorerst vorbei, die Nieder-Röder Nikoläuse ziehen ihre Kutten wieder aus. Schon in einem Jahr aber werden sie wieder unterwegs sein. So, wie seit 30 Jahren.

Nieder-Roden (as) ‐ Alle Jahre wieder kommt der Nikolaus. 19 Tage vor Heiligabend stellen die Kinder ihre geputzten Schuhe vor die Tür, um sie dann am nächsten Morgen gut gefüllt wieder in Empfang zu nehmen.

In vielen Familien kommt der Mann im roten Mantel auch höchstpersönlich nach Hause, denn die Eltern wollen ihren Kindern mit dem Erlebnis Nikolaus etwas Besonderes bieten. Seit 30 Jahren können Familien bei den Pfadfindern Nieder-Roden Nikoläuse mieten. Jetzt waren sie wieder unterwegs, um die Kinder zu beschenken.

Das hat Tradition, denn der heilige Nikolaus von Myra, dessen Todestag auf den 6. Dezember fällt, wird seit dem 16. Jahrhundert als Gabenbringer für Kinder belegt und als deren Wohltäter verehrt. Beschenkte er damals noch drei Schwestern mit Gold, um sie vor der Prostitution zu bewahren, so bringt er heutzutage andere Gaben.

Aktion vor 30 Jahren mit ins Leben gerufen

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren sind die Geschenke wieder bescheidener ausgefallen“, resümiert Walter Keller. „Diesmal passte alles in einen kleinen Sack. Früher mussten wir manchmal richtig schleppen.“ Keller spricht aus Erfahrung. Als ältester Pfadfinder-Nikolaus hat er die Aktion vor 30 Jahren mit ins Leben gerufen. Und das mit großem Erfolg. Die rund hundert Einsätze der elf Nikoläuse am Wochenende können sich sehen lassen.

Es gibt ein paar Familien, wo wir schon seit Jahren hingehen“, erzählt Jörg Seyffarth. „Wir sehen die Kinder wachsen und das macht große Freude.“ Walter Keller besucht mittlerweile Kinder, bei deren Eltern er bereits in der Rolle des Nikolaus ermahnt hatte. Damals wie heute haben die Kinder dem Erscheinen des weißbärtigen Mannes entgegengefiebert, dem Nikolaus mit seinem goldenen Buch, das die guten wie die schlechten Seiten der Kinder auflistet, die - nach Meinung der Eltern - lobenswerten und die verbesserungswürdigen.

Strafend oder Angst einflößend ist der Nikolaus schon lange nicht mehr. „Wir wollen den Kindern keine Angst machen“, bekräftigt Keller. So kommt die Rute glücklicherweise nur noch als dekoratives Zubehör zum Einsatz. „Alle Kinder haben ein gutes Herz“, formuliert das Jörg Seyffarth. „Die Rute ist fürs Schneefegen da oder für die Erwachsenen.

Loslassen der Kinder von Schnuller oder Windel

Letztere bekommen von den Nikoläusen auch immer mal einen Seitenhieb verpasst. Zum Beispiel Väter, die trotz des hohen Besuchs vorm Fernseher sitzen. Meinungsverschiedenheiten gibt es manchmal auch wegen zu großer Erwartungen der Eltern. „Wir können in zehn Minuten nicht die Erziehungsfehler von 365 Tagen wieder gutmachen“, betont Seyffarth. Dass ein Kind plötzlich freiwillig sein Zimmer aufräumt oder bestimmte Verhaltensweisen ablegt, das kann und soll ein einzelner Nikolausbesuch nicht leisten. Was allerdings schon häufig zu Erfolgen führte, war das Loslassen der Kinder von Schnuller oder Windel, die sie dem Mann im roten Mantel aushändigten, um sie danach nie wieder zu benutzen.

So war das vergangene Nikolauswochenende wie seit jeher verbunden mit vielen Gefühlen, Erwartungen und Hoffnungen und damit für Kinder wie Erwachsene ein ganz besonderes, erinnerungsträchtiges Ereignis. Und die Nikoläuse? Die haben es sich nach den überstandenen Ausflügen bei einem gemeinsamen Essen so richtig gut gehen lassen. Die Mäntel und Bärte sind mittlerweile abgelegt und alle warten bereits auf ihren Einsatz im nächsten Jahr.

Quelle: op-online.de

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