Niemals den Schnuller mitnehmen

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Erst der weiße Rauschebart verleiht dem Nikolaus die nötige Würde. Walter Keller (rechts) probiert und zupft, bis das Kunsthaar sitzt als wär’s ein Teil des Gesichts. Beim Autofahren muss der Bart allerdings ab, denn da versteht die Polizei keinen Spaß.

Nieder-Roden - Der Nikolaus im Mantel Nummer vier staunt nicht schlecht. „Das ist ja wie bei der Ausstattung von Agent 007! Jeder bekommt seinen Koffer.“ Von Michael Löw

Darin steckt aber kein technischer Geheimdienst-Firlefanz, sondern mottensicher verpackt ein weißer Bart, der zusammen mit dem roten Kapuzenmantel das Markenzeichen des Nikolaus ist.

Des heiligen Nikolaus wohlgemerkt, schwört Walter Keller von den Nieder-Röder Pfadfindern seine Leute ein. Denn der trug die rote Kutte schon lange, bevor Coca Cola Santa Claus und sein dröhnendes „Hohoho“ zum Werbebotschafter verkommen ließ. Seit nunmehr 33 Jahren beschenken die Pfadfinder-Nikoläuse artige und auch etwas weniger artige Kinder. Doch bevor sie am Mittwoch das erste Mal losziehen, unterzieht Walter Keller sie einem strengen Briefing. Schließlich ist der Nikolaus eine Respektsperson und sollte auch so auftreten.

Erstmals im Rentierschlitten durch Nieder-Roden

Michael Mitterle, der Mann im Mantel Nummer vier, fährt dieses Jahr erstmals im Rentierschlitten durch Nieder-Roden. „Der Schlitten ist für Kinderaugen unsichtbar“, bereitet Keller den Neuling auf neugierige Fragen nach dem himmlischen Transportmittel vor. Das ist weit besser als die Ausrede vom Parkplatzmangel. Dann erfährt Mitterle das weitere Procedere. Ein Engel klingelt bei den angemeldeten Familien, kündigt den Besuch des Heiligen an, nimmt die Geschenke und die Texte fürs Goldene Buch mit hinaus.

Ohne die Eltern geht da nichts. Denn die listen fein säuberlich auf, dass das Töchterchen - nennen wir’s mal Laura - einerseits hilfsbereit und fleißig in der Schule ist und im Bad allein zurecht kommt, andererseits aber ihren Bruder ständig verpetzt und rumzickt. Der Nikolaus entscheidet dann je nach Stimmungslage der Besuchten, ob er mit guten oder schlechten Eigenschaften anfängt.

Drei Kindertypen ausgemacht

Was ein Nikolaus so alles zu beachten hat, erläutert Keller beim jährlichen Nikolaus-Training: Die Schuhe müssen schwarz und geputzt sein, der Ehering bleibt daheim. Denn der Heilige ist trotz seines großen Herzens für Kinder ja unverheiratet.

Alte Hasen wie Falko Seyffarth haben drei Kindertypen ausgemacht. „Es gibt welche, die haben Angst, andere spielen souverän mit und nur wenige interessiert’s gar nicht“, erzählt der 27-Jährige. Mitunter muss er sogar den Eltern mit der Rute drohen. Die Pfadfinder erleben immer wieder, dass der Fernseher trotz des hohen Besuchs weiter vor sich hin dödelt.

Apropos Rute: Die gehört einfach zum Nikolaus. Sie ist meist Deko, gelegentlich ein Sportgerät zum Drüberspringen und auf gar keinen Fall ein Züchtigungsmittel. „Der Nikolaus kann nicht an einem Abend die Erziehung nachholen, die an den anderen 364 Tagen im Jahr versäumt wurde“, lehnen Seyffarth und seine Kollegen entsprechende Wünsche ab.

Tiefe Einblicke ins Familienleben

Die Pfadfinder- bekommen tiefe Einblicke ins Familienleben. Seyffarth: „Nikolaus ist ein bisschen wie Landarzt. Man sieht die Kinder heranwachsen. Und manchmal sehen die Männer im roten Mantel, dass da einiges schiefgeht.

Doch das Schöne und die Freude, die der Nikolaus auch in zerstrittene Familien bringt, überwiegen. Und Anekdoten gibt’s hinterher reichlich zu erzählen. Falko Seyffarth hatte einer Familie im Stillen schon den Verlust jeder Verhältnismäßigkeit unterstellt, weil er für zwei Kinder vier Säcke voller Geschenke ins Wohnzimmer schleppte. Zum Glück erfuhr er noch rechtzeitig, dass diese Eltern einfach die weihnachtliche Bescherung knapp drei Wochen vorgezogen hatten, weil die Familie über die Feiertage verreist.

Packung voller Windeln

Jürgen Klinkert kam eines Abends mit einer Packung voller Windeln zurück ins Pfadfinderheim. „Du bist doch groß und brauchst sie nicht mehr“, hatte eine Mama ans Ego ihres Kindes appelliert, und ruckzuck war der Nikolaus der Beschenkte.

Aus dem gleichen Grund drücken Kinder dem Nikolaus auch ihre Schnuller in die Hand. Für diesen Fall hat Walter Keller beim Training einen Rat in petto: „Legt den Schnuller beim Rausgehen diskret auf einen Schrank. Sonst ist das Geschrei am Ende groß!“

Groß wäre das Geschrei auch, wenn der Nikolaus ein Kind vergisst, das sich auf seinen Besuch gefreut hat. Doch das ist den Pfadfindern nur ein einziges Mal passiert.

Quelle: op-online.de

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