„Gott hat kein Problem mit mir“ 

Norbert Becker war katholischer Pfarrer – bis er sich eine Partnerin wünschte

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Norbert Becker leitet seit 15. März die offene Jugendarbeit der Stadt. Im Jugendhaus Dudenhofen teilt er sich mit seinem Team ein Büro.

Rodgau - Der neue Leiter der offenen Jugendarbeit der Stadt hat eine markante Biografie. Norbert Becker war vor seinem Dienstantritt im März in Krombach im Kreis Aschaffenburg katholischer Pfarrer.

1984 in Erlenbach im Landkreis Miltenberg geboren, studierte er nach dem Abitur Theologie in Würzburg und Rom. 2005 trat er im Bistum Würzburg ins Priesterseminar ein und wurde fünf Jahre später zum Priester geweiht. Auf eigenen Wunsch wurde der 32-Jährige im Januar 2015 von Bischof Friedhelm Hofmann beurlaubt und schließlich im August 2015 suspendiert. Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach mit Norbert Becker.

Das kommende Weihnachtsfest ist das erste seit Jahren, an dem Sie nicht vor der Gemeinde stehen und predigen. Was ist das für ein Gefühl?

Nach einem turbulenten Jahr mit vielen Umbrüchen freue ich auf Weihnachten sehr, weil jetzt eine Zeit der Ruhe kommt. Nach allem was war, gehe ich versöhnt und froh auch auf Silvester zu.

Was war der Grund, sich vom Beruf des Priesters zu lösen?

Vom Beruf des Priesters wollte ich mich in dem Sinn ja gar nicht lösen, sondern die Lebensform war das Problem. Im Jahr 2015 ist meine Mutter gestorben. In der Zeit ihrer Krankheit und auch in der Zeit, als sie gestorben ist, habe ich eine Sehnsucht verspürt, zur Stärkung eine Partnerin an meiner Seite zu haben. Gerade nach der Beerdigung habe ich große Einsamkeit verspürt. Da ist dann etwas ins Wanken gekommen, das ich vorher im Kopf immer tapfer verteidigt habe und wofür ich nach einem Umgang damit gesucht habe. Ich bin ein lebensfroher Mensch. Wenn ich sonst einsam war, bin ich mit Freunden eben ein Bier trinken gegangen. Das hat in dieser schweren Zeit dann einfach nicht mehr funktioniert.

Beides zusammen geht halt nicht. Die Lebensform als katholischer Priester fußt auch auf dem Zölibat. Haben Sie sich schlicht getäuscht, als Sie zur Priesterweihe 2010 die Ehelosigkeit gelobt haben?

Ich glaube, dass ich damals zu sehr auf meine Begeisterung und meine Stärke geachtet und vertraut habe. Ich habe gewissermaßen in jugendlicher Begeisterung das alles nicht so problematisch gesehen, wie ich es dann in schwieriger Zeit empfunden habe. Ich kam aus der kirchlichen Jugendarbeit, die mich angespornt hat und wollte da, flapsig gesagt, noch eins draufsetzen und mich ganz in den Dienst der Kirche und Gottes stellen. Darüber habe ich meine Schwächen und Bedürfnisse wohl zu wenig beachtet.

Wie haben Gemeinde, Freunde und Familie Ihren Entschluss, kein Priester mehr sein zu wollen, aufgenommen? Haben sich Leute von Ihnen vielleicht sogar abgewendet?

Die Kirche hat vergangenes Jahr das Jahr der Barmherzigkeit gefeiert. Ich durfte erfahren, dass dies ernst gemeint war. Mir wurde sehr viel Wohlwollen, Verständnis, Menschlichkeit und Sympathie entgegen gebracht, wofür ich dankbar bin. Ich habe in der Zeit, die ja auch für mich selbst sehr schwierig war, zum Beispiel auch viele liebe Briefe bekommen, die mich beeindruckt und berührt haben. Natürlich gab es auch kritische Stimmen, aber das erwarte ich von Freunden auch, dass sie Dinge und Entscheidungen hinterfragen. Aber regelrecht abgewandt hat sich keiner.

Haben Sie Ihre Freundin inzwischen geheiratet?

Nein, alles zu seiner Zeit. Wir genießen derzeit, dass jetzt langsam ein wenig Normalität und Ruhe einkehrt. Unsere Vorgeschichte ist bei vielen Begegnungen natürlich ein Thema. Aber meine Freundin sagt das immer sehr klug: „Nicht von der einen Lebensentscheidung in die nächste stürzen.“

Jetzt sind Sie in Rodgau in Ihrem neuen Beruf angekommen. Was können Sie von dem nutzen, was Sie als Priester an Fähigkeiten erworben haben?

Die offene Jugendarbeit ist zwar neu für mich. Aber da mein Schwerpunkt als Priester die Jugendarbeit generell war, bringe ich viel praktische Erfahrungen mit. Zum Beispiel wie man Jugendveranstaltungen organisiert und durchführt. In beiden Tätigkeiten muss man auf die Finanzen schauen und eine gute Öffentlichkeitsarbeit haben. Als Pfarrer durfte ich auch Seelsorger sein. Das nehme ich hier her mit, denn manche Jugendlichen hier haben viel im Gepäck.

Aber Sakramente können Sie nicht mehr spenden. Taufe, Eheschließungen, das letzte Geleit: viele Aspekte Ihres bisherigen Berufslebens fehlen jetzt.

Es ist natürlich eine andere Tätigkeit, was eine große Umstellung ist. Aber ich merke, dass mir der Übergang gut gelingt. Ich habe sehr gerne gepredigt. Aber ich nehme es in Kauf, dass ich manches jetzt nicht mehr tun kann. Außerdem macht mir die neue Arbeit viel Freude.

Wissen die Jugendlichen hier von Ihrer speziellen Vergangenheit?

Das ist unterschiedlich, ich mache da ja auch kein Geheimnis draus. Für die Arbeit hier spielt das aber keine Rolle.

Was vermissen Sie von Ihrem früheren Amt denn am meisten?

Zum Einen die Vielseitigkeit aus Kontakten zu allen Generationen, zum Anderen manchmal das Predigen und das Sprechen über den Glauben. Deshalb versuche ich, mich jetzt ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde zu engagieren.

Und was haben Sie am Neubeginn in Rodgau schon schätzen gelernt?

Ich erlebe eine große Erweiterung meines Horizonts. Klar habe ich auch früher Jugendarbeit gemacht. Aber das waren Menschen, die der Sache ohnehin zugewandt waren: Ministranten, kirchliche Jugend. Eben ein ausgewähltes Publikum. Hier ist das eine viel größere Bandbreite. Da kann ich noch viel lernen. Ich bin sehr frei in meiner Tätigkeit und genieße es, im Team zu arbeiten. Und ich bin dankbar für das Vertrauen, das die Stadt mir entgegenbringt.

Sie sagen, Sie wollen sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren. Dann stehen Sie nach wie vor voll und ganz zur katholischen Kirche?

Ich habe ja nicht mit der Kirche gebrochen, sondern mit einer Lebensform. Mir ist mein Glaube nach wie vor wichtig. Ich habe mit Gott kein Problem und ich bin mir sicher, dass er auch keins mit mir hat. Natürlich ist mir ein kirchliches Gesetz zum Stolperstein geworden. Aber ich bin ja nicht im Groll gegangen, sondern es waren sehr sehr gute Gespräche mit der Kirchenleitung, wofür ich sehr dankbar bin.

Haben Sie Wünsche an die Kirche? Wie sollte sie sein?

Mich hat im vergangenen Jahr der Barmherzigkeit die Milde vieler Leute sehr beeindruckt. Ich glaube, dass uns das auch im Großen und Ganzen der Kirchlichen Gesetze gut tun würde. Ich sage das nicht nur als ehemaliger Priester, der über den Zölibat gestolpert ist, sondern es geht auch um die Positionen gegenüber Geschiedenen und Wiederverheirateten und gegenüber Homosexuellen. Natürlich darf die Kirche keine Schnellschüsse machen. Es geht ja um den Glauben und nicht nur um ein Papier, das geändert werden muss. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Kirche es noch besser schaffen kann, die Barmherzigkeit Gottes an die Menschen weiterzugeben.

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Quelle: op-online.de

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